Seit ca. zwei Jahren laufe ich regelmäßig und suche noch immer eine Bedeutung für mich. Anfangs wollte ich nur länger als zwei Kilometer laufen, doch bald packte mich der Ehrgeiz. Im Sommer 2024 lief ich dann den Stadium Run über fünf Kilometer. Den 10-km-Lauf beim Dresden Marathon Ende Oktober 2024 konnte ich aufgrund einer Verletzung nicht mitnehmen. Aber 2025 war es soweit. Die Strecke führte simpel von der Pieschener Allee über die Marienbrücke an der Neustädter Seite entlang bis zur Waldschlösschenbrücke, dort der Wechsel auf die Altstädter Seite und wieder zurück, Ende im Heinz-Steyer-Stadion.
Bammel vor dem Start
Als ich am Sonntagmorgen aufwache, bin ich nur mäßig gut drauf. Mein Freund und ich waren am Abend zuvor bei einer Geburtstagsparty und ich hatte uns wenig Alkohol und viel Schlaf verordnet. Aber entspannt bin ich nicht. Ganz im Gegenteil: Als ich nach fünf unruhigen Stunden wach werde, fallen mir unendlich viele Aufgaben ein, die ich in den nächsten Wochen erledigen muss. Und all die Dinge, die dabei schiefgehen könnten. Die Vorfreude hält sich gut versteckt, vielleicht liegt sie gerade in der Sonne und trinkt Kaffee. Außerdem habe ich seit einer Woche nicht trainiert, weil ich mir eine Blase gerieben habe. Trotzdem raffe ich mich auf, mache uns ein kleines Frühstück und setze Tee an.
Viel später als geplant machen wir uns auf den Weg. Durch die Straßen zu spazieren, während fast die ganze Stadt schläft, das hat etwas. Einige Leute mit einem Startunterlagen-Beutel fahren an uns vorbei und ich fühle mich mit ihnen verbunden. An der BallsportArena angekommen, geben wir unsere warmen Mäntel ab und pinnen die Startnummer an unsere Shirts. Meinen Füßen fällt plötzlich ein, dass irgendwo ein Steinchen ist und eine Socke in Falten liegt. Also ziehe ich meine Schuhe noch einmal aus, dann wieder an, fixiere die Schnürsenkel und fühle mich endlich bereit.
Die ersten Kilometer
Bis alle ca. 1.100 Läufer:innen die Startmatte passiert haben, braucht es einige Minuten. Und da wir uns hinten platziert haben, damit wir nicht umgerannt werden, dauert es, bis wir dran sind. Es ist also eher ein Reingleiten als ein richtiger Start.
Auf der Marienbrücke realisiere ich, wie viele Menschen neben mir sind. Es ist ein Gewusel, das ich nicht kenne. Ein Gefühl für meinen Körper und vor allem meine Geschwindigkeit zu bekommen, fällt mir schwer. Einige Läufer:innen tracken ihre Pace mit einer Smartwatch und kontrollieren regelmäßig, ob sie zu schnell oder zu langsam sind. Ich erfasse das nur mit meinem Handy in meiner Gürteltasche und werde erst am Ende sehen, welches Tempo ich jeden Kilometer hatte. Mein einziger Indikator beim Lauf ist mein Atem und die Erfahrung. Mein Körper fühlt sich gut an, aber im Training laufe ich die ersten 200 Meter zu schnell und mir geht die Puste aus. Das ist heute nicht so. Trotzdem befürchte ich, dass das nur das Hoch am Anfang ist.
Im Mittelfeld
Die ersten zwei Kilometer laufe ich gemütlich vor mich hin. Die verbliebenen Reste der Carolabrücke bekommen ein paar anerkennende Blicke und ich frage mich, warum auf den Stufen vor dem Finanzministerium keine:r sitzt und anfeuert. Von dort oben wäre es ein schöner Anblick.
Als wir unter der Albertbrücke durchgelaufen sind, kommt das erste kleine Tief. Ich mag diesen Teil überhaupt nicht, weil sich monoton Bäume an Bäume reihen. Außerdem schlägt die Elbe eine Kurve, sodass die Strecke kürzer aussieht, als sie ist. Ich lenke mich damit ab, die T-Shirts meiner Mitläufer:innen zu betrachten. Keine gute Idee. Einige wenige haben flotte Sprüche darauf, aber da das kein Firmenlauf ist, hält sich das in Grenzen. Schlimmer sind diejenigen, die Shirts vergangener Läufe tragen. Denn mir wird bewusst, wie klein ich bin. Ich winziger Wicht laufe inmitten von Menschen, die wahrscheinlich locker einen Marathon laufen und für die zehn Kilometer nur eine kleine Sonntagsrunde sind. Ich brauche bis zur Waldschlösschenbrücke, um zu kapieren, dass das nur Merch ist, keine Medaille. Vielleicht sind diese Leute damals fünf Kilometer gelaufen und probieren sich hier, wie ich, an Größerem.
Auf der Brücke erwartet mich die 5-Kilometer-Marke und ein Schild mit der Aufschrift „Denk an Liebe!“. Das finde ich so witzig, dass mich das beflügelt. Vielleicht ist es auch nur das Gefälle, das mir das Gefühl gibt, unbesiegbar zu sein.
Ein kleines und ein großes Tief
Das Hoch hält ca. 300 Meter an. Danach setzt Nieselregen ein und meine Blase am Fuß meldet sich zu Wort. Das Herbstlaub bereitet mir Sorgen und ich fühle mich einsam. Daran ändern auch die Helfer:innen nichts, die uns am Spielplatz nahe des Fährgartens mit Wasser versorgen.
Als wir kurz vor der Albertbrücke sind, mischen sich die Gefühle. Ich freue mich, dass es nicht mehr weit ist, und überlege, ob ich noch etwas mehr aus mir raushole. Gleichzeitig nervt mich der schmale Weg. Ständig überlege ich, ob ich eine Person überholen möchte, und wie ich das am besten mache. Denn ich will ja höflich sein und niemanden behindern. Es gibt nur wenige Abschnitte, bei denen ich frei laufen kann. Trotzdem ist es schön, dass so viele Leute mitmachen.
Hinzu kommt, dass an den Straßen einige Leute mit Schildern stehen und uns anfeuern. Auch wenn „Energie aufladen“ nichts für den Körper tut, meiner Seele gefällt das. Mich lenkt das wunderbar davon ab, dass ich an einem Sonntag schönere Dinge tun könnte.
An der Augustusbrücke ereilt mich das richtige Tief. Ich kenne das aus dem Training. Mit einem Mal fallen mir die Freund:innen ein, die nicht mehr bei mir sind. Weil wir uns gestritten oder auseinandergelebt haben oder weil sie tot sind. Ich glaube, ich hätte in solchen Momenten gern meinen Fanclub und das Gefühl, die letzten zwei Kilometer nicht allein zu sein. Vielleicht hat mein Körper auch alle Energie, die für gute Laune zuständig ist, aufgebraucht und muss neue finden. Und so laufen mir ein paar Tränen über die Wangen. Aber ich weiß, dass ich durchhalten muss. Jeder Meter, den ich nicht gehe, ist ein gewonnener Meter.
Immer wieder Tartanbahn
Als wir am Maritim-Hotel vorbeilaufen, bin ich immer noch frustriert. Das Ziel wirkt so nah, aber bis wir unter der Marienbrücke durch sind und ins Heinz-Steyer-Stadion dürfen, dauert es noch ein paar Meter. Ich kämpfe mich durch, habe aber keine Lust auf einen Schlusssprint.
Stattdessen halte ich Ausschau nach der Anzeigetafel, die mittlerweile installiert ist, und genieße das Gefühl der Tartanbahn unter mir. Beim Stadium Run war ich zu erschöpft von all den Eindrücken und Gedanken, aber jetzt lasse ich meinen Blick durch das Stadion schweifen und freue mich über die Weite. Es ist immer noch nicht mein Lieblingsbau in Dresden, aber er ist beeindruckend. Und die Tartanbahn zieht sich. Kaum zu glauben, dass hier manchmal Weltklasse-Athlet:innen laufen. Ich würde mich gerne hinsetzen, anfassen und riechen, aber leider geht das nicht. Also jogge ich gemütlich ins Ziel und hole mir meine Medaille ab.
Danach warte ich auf meinen Freund und wir versorgen uns mit Cola und alkoholfreiem Bier. Wenn‘s in der Startgebühr inkludiert ist, kann man sich auch durch drei verschiedene Sorten probieren. Als Goodies im Startbeutel gab es übrigens einen Elektrolytwürfel, Magnesiumpulver, Traubenzucker, ein Kräuterbad und eine Shampoo-Probe. Außerdem ein Multifunktionstuch und einen Gutschein für einen Outdoorladen.
Der Nachklang
Schon im Ziel fehlt mir die Euphorie, die mich nach meinem ersten Lauf überfallen hat. Irgendwie knallt das zweite Mal nicht so wie das erste. Auch die Erschöpfung macht sich bemerkbar, im Gegensatz zu meinem Freund will ich nur schlafen. Ich habe nicht mal Appetit – auch das kenne ich schon. Am Montag macht sich ein leichtes Ziehen in den Beinen bemerkbar, wirklich kaputt ist aber nichts.
Ich werde definitiv weiter trainieren, denn mein Ziel ist es, zehn Kilometer entspannt zu laufen, auch an schlechten Tagen. Außerdem liebe ich meine Laufstrecke zu sehr, um aufzuhören.
Text: Vivian Herzog
Foto: Amac Garbe