Campuskolumne

Die Sehnsucht nach Stabilität, Ordnung und Konsens ist in Deutschland traditionell sehr stark ausgeprägt. Ich persönlich fühle mich zwar eher von den Schlagworten Konflikt, Dynamik und Wandel angezogen, da ich obiges für latent unpolitisch halte. Und dennoch muss ich zugeben, dass die ruhige und verlässliche Art und Weise, wie in Deutschland Politik gemacht und gepflegt wird, auch seine Vorteile hat. Zwar ist es sicher nicht auszuschließen, dass auch bei uns irrationale Polit-Trolle wie Donald Trump an die Macht kommen – eine Handvoll dieser Trümpfe hocken ja bereits an falscher Stelle. Doch auf absehbare Zeit ist das nicht zu erwarten. Oder doch?

Derzeit wird über eine Neuauflage der „Großen Koalition“ debattiert und verhandelt. Doch ist diese wirklich gutzuheißen, gar zu begrüßen? Nein! Mangelnder Esprit ist mit einer Koalition mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum nicht wiederzuerlangen. So verständlich einerseits die Sehnsucht nach stabilen Verhältnissen ist, so ist es vielleicht gerade die daraus resultierende Träumerei, die die Nachahmer von Trump, Hindenburg und Goebbels an Macht gewinnen lassen. Neben der Gefahr des weiteren Erstarkens jener Kräfte, deren Parteinamen sowieso schon in aller Munde ist, gibt es noch weitere Gründe, die gegen eine schwarz-rote Hochzeit sprechen:

  1. Der Selbstzerstörungstrieb der SPD ist zwar legendär, doch die Genossen sollten aufpassen, dass die stolze Geschichte ihrer Partei nicht irgendwann nur noch fleißige Museumsgänger interessiert.
  2. Hat es Frau Merkel tatsächlich verdient, es sich erneut mit ihrer Traumhochzeit gemütlich zu machen? Regieren muss auch mal wehtun und die Genossinnen sind nicht der natürliche Rockzipfel der Rautenbilderin. Auch wenn sie insgeheim freilich den aktiveren Part in der Ehe eingenommen haben.
  3. Manchmal kann es einer Demokratie dagegen guttun, wenn sie mal über ihren eingeübten Tellerrand hinausblickt. In den skandinavischen Ländern sind Minderheitsregierungen gang und gäbe. Und das ganz ohne Christian Lindner.
  4. Ebendiese Minderheitsregierungen sind es, die das notwendige und dennoch beschränkte Spielchen zwischen Opposition und Regierung in repräsentativen Demokratien aufsprengen. Gut so! Eine Regierung, die auf wechselnde Mehrheiten setzen muss, kann nicht Anträge der Opposition so einfach wegmerkeln, obwohl diese vielleicht auch für die Regierung überlegenswert sind.
  5. Hat Herr Lindner wirklich eine Groko verdient? Sein Plan wäre aufgegangen und die FDP kann sich auf Kosten der SPD mästen. Das ist nicht fair, sondern parasitär.

„Das Leben schafft Ordnung, aber die Ordnung bringt kein Leben hervor“, meinte mal der berühmte französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry. Sie sollte kein Selbstzweck sein, könnte man hinzufügen.

Text: Martin Linke

Foto: Amac Garbe

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