Campuskolumne

Es ist besser, keine Kolumne zu schreiben als eine falsche! Ich bin gar nicht hier! Das Schreiben spare ich mir lieber. Denn wie sagte kürzlich ein weiser Mann sinngemäß? Bevor etwas nicht zu 100 Prozent richtig läuft, lässt man es lieber bleiben. Und wer ist schon perfekt?

Lindner-Logik macht das Leben leichter. Viele Probleme des Alltags lassen sich mit dieser bibelgleichen Zauberformel lösen. Dass da früher noch keiner drauf gekommen ist …

Morgens nach dem Weckerklingeln noch so müde? Sagt Euch einfach „Es ist besser, nicht aufzustehen als falsch aufzustehen.“ und keiner wird es Euch verübeln. Ihr wisst im Innenstadtverkehr mal wieder nicht genau, wo’s langgeht? Die Maxime „Es ist besser, nicht abzubiegen als falsch abzubiegen.“ wird Euch immer den richtigen Weg weisen. Und die Frage, welches Oberteil Ihr abends in der Disco tragt, hat sich endlich auch erübrigt. Um auf Nummer sicher zu gehen, besser nichts anziehen als sich falsch zu kleiden.

Ihr findet diese Argumentation albern oder die Realität verleugnend? Joa, stimmt! So einfach ist die Welt (leider) nicht.

Und das gilt eben auch für die Politikwelt. Genauso wie Ihr morgens aufstehen müsst oder zum Ausgehen etwas anziehen solltet, braucht Deutschland eine Regierung. Und mit dem Wissen, die scheinbar einzig denkbare politische Konstellation zu sprengen, einen pseudo-philosophischen Satz in die Kameras zu sagen, halte ich für ähnlich engstirnig wie immer geradeaus zu fahren, weil man Angst vorm Abbiegen hat.

Während der Koalitionsverhandlungen musste jede Partei Abstriche machen. Die Grünen fanden es besser, Verbrennungsmotoren noch nicht abzuschaffen (und nicht auf einem festen Enddatum zu beharren), als sich völlig von ihren Klimaplänen zu verabschieden. Die CSU war lieber mit einer „falschen“ Obergrenze einverstanden (die keine mehr ist), als das Feld zu räumen. Und die CDU hat schließlich auch Bereitschaft gezeigt, einige der schlimmsten Kohlekraftwerke abzustellen und damit in den Augen vieler Konservativer falsche Forderungen zu unterstützen.

Das hat geschmerzt, alle Parteien. Aber so funktionieren Verhandlungen. Wenn jeder all seine Forderungen durchbekäme, würde irgendwas nicht stimmen. Nur die FDP findet das alles irgendwie falsch.

Wie’s nun weitergeht, wird sich zeigen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die FDP keine Neuwahlen provoziert hat. Denn wenn nun alle potenziellen Wähler die neue Lindner-Leitlinie anwenden („Es ist besser, nicht zu wählen als falsch zu wählen!“) und spätestens nach dem Sondierungs-Dschungel eh keiner mehr weiß, was nun eigentlich richtig und was falsch ist, steht uns eine historisch schlechte Wahlbeteiligung bevor.

Ich bin jedenfalls froh, dass ich diese Kolumne geschrieben habe. Ich nehme in Kauf, dass nicht alle gut finden werden, was ich fabriziert habe. Trotzdem möchte ich eine neue Maxime etablieren: Es ist besser, nicht hundertprozentig perfekt zu sein als gar nicht erst anzufangen!

Text: Benjamin Kutz

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Campuskolumne

  1. Richtig, denn nur wer etwas beginnt – auch wenn es nicht 100-prozentig sein könnte, hat begonnen zu arbeiten. Die Arbeit ist die Grundlage für „Alles“. Die Parteien sollten also arbeiten ohne Profilierungsallüren und nur mit dem Ziel die Zukunft der Menschen allseitig zu sichern.

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