Campuskolumne

Der Himmel wird immer trüber und die Temperaturen kälter, in den Supermärkten erschallen schon die typischen Weihnachtslieder und die ersten Dominosteine, Spekulatius oder Lebkuchen sind garantiert schon gekauft und vernascht wurden.  Einstimmung in die Weihnachtszeit und so. Dabei steht für mich und alle anderen Menschen in den US of A noch eine ganz andere und hier ebenso bedeutende Festivität an: Thanksgiving. Am kommenden Donnerstag ist es so weit und im ganzen Land werden sich Millionen von Menschen über Truthähne und Stuffing hermachen. Stuffing, also die Füllung des Truthahns, wird hier nämlich sehr gerne auch einfach so als Beilage gegessen. Jedes Lebensmittelgeschäft und wirklich jede amerikanische Website weist entweder auf zehn verschiedene Rezepte für das perfekte Thanksgiving Dinner oder auf zahlreiche Rabatte zum unvermeidbaren Black Friday hin, den es mittlerweile auch bei uns in Deutschland gibt. Dass Thanksgiving natürlich indirekt die Vertreibung, Verfolgung und Ermordung von Millionen von Native Americans zelebriert — geschenkt. Das möchte ich hier auch gar nicht diskutieren.

Aber tatsächlich gibt es einen Aspekt dieses Festtags, den ich für bewundernswert halte und der gut und gerne von uns Deutschen kopiert werden könnte: Vor dem Festmahl äußert sich jeder am Tisch über etwas, für das die jeweilige Person im vergangenen Jahr dankbar war oder ist. Das heißt, man reflektiert bewusst über die vergangene Zeit und stellt für sich selbst fest, warum man dankbar ist und dies auch oft sein sollte. Denn so gut wie jeder Mensch erfährt von Zeit zu Zeit Gutes. Und wieso denke ich ausgerechnet, dass wir Deutschen uns dem auch annehmen könnten und vielleicht sogar sollten?

Eine Sache, die ich doch recht schnell nach meiner Ankunft in den Staaten bemerkt habe, ist, dass Deutsche es lieben, sich ständig zu beschweren. Über alles mögliche und jede aufkommende Situation. Natürlich war mir dies schon lange bekannt, immerhin meckern wir zum Beispiel sehr gerne über deutsche Touristen, die sich zu auffällig als Urlauber in einem Land aufführen. Aber wirklich ist mir das erst hier bewusst geworden, wo sich so gut wie niemand beschwert. Ich beziehe mich da nicht nur auf einen öffentlichen, oberflächlichen Kontext. Auch bei engeren Bekanntschaften und Freunden ist es schwer, eine generell präsente Positivität zu übersehen. Natürlich gibt es Probleme, die angesprochen werden — aber darüber  beschwert man sich nicht, sondern sucht nach Lösungen. Im Gegensatz dazu ist der/die Deutsche gefühlt erst dann glücklich, wenn er oder sie sich so richtig über irgendetwas ausgelassen hat. Besonders auffällig wird dies zum Beispiel, wenn mal wieder das Wort Exzellenzuni in die Runde geworfen wird. Oder, saisonal passend, die Hochschulwahlen erwähnt werden.

Mittlerweile habe ich eine gewisse Abneigung gegenüber dieser Haltung entwickelt.

Die meisten Menschen, die mir in Deutschland nahestehen und standen, leben in einer guten Situation, die einiges für ihre Zukunft verspricht. Und doch scheint es Usus zu sein, das nicht wertzuschätzen, sondern sich immer wieder auf die schlechten Seiten zu berufen. Es würde uns allen wirklich gut tun, mindestens ein Mal im Jahr zu reflektieren und sich daran zu erinnern, wie schön unser Leben doch ist. Oder, um sich auf die Studierenden zu beziehen: Wie schön und wertvoll unser Studium sein kann. Trotz langweiliger Vorlesungen, baufälligen Gebäuden oder der Prüfungszeit.

Text: Henriette Kurth

Foto: Amac Garbe

Unsere Autorin Henriette Kurth macht in den US of A derzeit einen 12-monatigen Freiwilligendienst mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. Sie lebt in der Nähe von Charlottesville, Virginia, und arbeitet in einer Gemeinschaft mit Menschen mit Intellektueller Behinderung.

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