Campuskolumne

Die heutigen Zeiten sind schwer. Umso verständlicher ist es daher, dass man sich zurück in die Vergangenheit sehnt. Dorthin, wo alles viel einfacher, strukturierter und klarer erscheint. Dorthin, wo auch die Eltern wissen, dass es viel besser war. Dorthin, wo man noch einen fest garantierten und anständig bezahlten Job hat. Nur einen wohlgemerkt.

Einige junge Menschen scheint die Sehnsucht nach alten Tagen besonders ergriffen zu haben. Hoch anzurechnen ist ihnen, dass sie sich zuerst auf die eher unangenehme Seite der Vergangenheit besinnen, bevor sie sich bestimmt bald der gemütlichen zuwenden. Allerdings könnte man auch sagen, dass es die besagten Leute heute vielleicht doch etwas übertreiben. Denn gleich geschlagene acht Tage, also 192 Stunden oder 11.520 Minuten in der Schlange stehen, um die Mangelwirtschaft alter Tage noch mal nachvollziehen zu können? Respekt!

Allerdings muss man natürlich auch bedenken, dass es nicht einen Appel und ein Ei zu erwerben gab, sondern ein sogenanntes iPhone von der Firma Apple. Dieses iPhone ist ein elektronischer Kasten mit einer Art Handyfunktion. Nur etwas größer und teurer, dafür weniger handlich als ein normales Handy. Etwas rutschig poliert wurde es, die Schüssel springt fix. Design ist durchaus neuwertig. Funktionaler Mehrgewinn zum Vorgängermodell: wie immer bescheiden. Kostet so viel wie zwei bis drei Monatsmieten einer normalen Wohnung in einer Großstadt und ein halbes Jahr in einer Studentenbude.

Sicher würde kein normaler und rational denkender Mensch ein solches Gerät erwerben, denn die Firma hat bereits im September diesen Jahres ihr letztes Gerät auf den Markt gebracht. Zwar halten heutige Produkte aller Art natürlich nicht sehr lang, sind also meist von minderwertiger Qualität. Doch mehr als zwei Monate werden die hochwertigsten Stücke wohl noch aushalten, bevor sie auseinanderfallen. Oder nicht?

Glück für Apple ist nur, dass es doch noch sozialistische Tugendwächter gibt. Das Ziel der Firma, die Übererfüllung des Jahresplans, ist in greifbarer Nähe. Was für ein Gewinn!

Vielleicht sollte man die jugendlichen Genossen nun aber doch tadeln. Es ist zwar natürlich ehrenwert, dass sie Ideale verfolgen und Visionen haben. Und doch gäbe es die Möglichkeit, die Suche nach Lebenssinn mit einem der Gesellschaft verträglichen Engagement zu verknüpfen. Und das sogar vor unserer Haustür.

Beispielsweise könnte man ihnen mitteilen, dass es in der DDR um die Natur nicht so gut bestellt war. Dann kämen die Genossen vielleicht auf die Idee, sich dem noch viel schlimmeren Zustand unserer heutigen Umwelt anzunehmen. Denn seit dem Ende des sozialistischen Versuchs sind ungefähr 80 Prozent der Insekten bereits ausgerottet. Albert Einstein wusste, was dann bald passiert.

„Sag der Zukunft hallo“ heißt es übrigens beim Apple-Konzern. Gut, dass sie wenigstens noch Sinn für Humor haben.

Text: Martin Linke

Foto: Amac Garbe

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