Dresdens heimliche Revolution

Schaffe, schaffe, Häusle baue – Wohneigentum ist für die meisten Deutschen immer noch der gängige Weg raus aus der Mietknechtschaft. Doch es geht auch ganz anders: mit gemeinschaftlichem Besitz.

Es ist kein Klischee, dass sich in der Residenzstadt die Uhren ein bisschen langsamer drehen. Doch das andere Bild der Stadt, das bunte, aufgeschlossene oder sogar progressive, wird zunehmend stärker. In einem Bereich spielt Dresden sozusagen sogar in der Spitzenliga: bei der Schaffung nicht-kommerziellen Wohnraums. Wer hätte das gedacht?

Gerade für Studierende ist preiswerter Wohnraum ein zunehmend schwieriges Thema. Immer größere Anteile des ohnehin meist knappen studentischen Geldbeutels müssen für Wohnraum aufgewendet werden, haben Forscher des Instituts der Deutschen Wirtschaft in Köln errechnet. In Dresden wird zwar ohne Pause an kleinen Wohnungen für Studierende gebaut, dennoch ist der Bedarf noch lange nicht gedeckt. Das Dresdner Studentenwerk hat fast 50.000 Studierende registriert, verwaltet aber selbst nur Wohnungen für 6.000 Menschen. Auf Anfrage von Campusrauschen teilt Pressesprecherin Dr. Heike Müller mit, dass das Studentenwerk dieses Semester 450 Studierenden aus Kapazitätsgründen eine Absage erteilen musste. Da es keine Wartelisten gäbe, hätten die Studierenden in einer zweiten Vergaberunde die Möglichkeit gehabt, sich für ein Zimmer zu bewerben: Mitte Oktober werden Zimmer, die nach der großen Oktoberanreise frei geblieben sind, an diese Bewerber vergeben. Auf diesem Wege hätten noch einmal 52 Studierende eine Zusage erhalten. Die restlichen Wohnungssuchenden haben sich wohl bereits auf den freien Wohnungsmarkt umgesehen.

Laut Angaben des Studentenwerks kostet ein Einzelzimmer (mit Gemeinschaftsbad und Gemeinschaftsraum) in Dresden durchschnittlich 210 Euro. Ein Einzelapartment schlägt mit circa 50 Euro mehr zu Buche. Nur für Studierende mit einem dicken Geldbeutel kommt dagegen ein einzelnes Studentenapartment eines privaten Anbieters in Frage. Diese kosten in Dresden circa 400 Euro, also ein Drittel mehr als jene des Studentenwerks.

Da der restliche Wohnungsmarkt nahezu leer gefegt ist, steigen die Mieten auch für Wohnungen des privaten Markts, wie zum Beispiel WGs, immer weiter an. Tendenz stark steigend. Die Stadt Dresden besitzt fast keine eigenen kommunalen Wohnungen mehr. Ob sich die steigenden Mieten mit der Rückkehr zum kommunalen Wohnungsbau durch die neu gegründete „Woba“ aufhalten lässt, wird die Zukunft zeigen.

Studierende haben wohl kaum solche ziemlich erwachsenen Gedanken wie Wohneigentum im Kopf. Doch wenn es tatsächlich vorstellbar ist, längerfristig in Dresden zu bleiben, könnte gerade der alternative Wohnungsmarkt spannend sein. Dieser ist gleich auf mehreren Ebenen eine Art dritter Weg. Zum einen schafft man sich oftmals tatsächlich Wohneigentum. Doch da man nur ein Teil eines Kollektivs ist, ist es nicht möglich, diesen gewinnbringend zu veräußern. Der alternative Wohnungsmarkt, also der der Genossenschaften oder auch der des Mietshäuser-Syndikats, sind nicht auf Rendite, sondern auf Zukunft, Solidarität und Langfristigkeit angelegt. Zum anderen haben die auf dem genossenschaftlichen Prinzip bauenden Wohnprojekte das Ziel, der Vereinzelung des Menschen entgegenzuwirken. Nicht nur für gesellige Abende in Gemeinschaftsräumen, sondern auch für kulturelle Veranstaltungen sollte man daher offen sein.

Ein Beispiel dafür ist das Zentralwerk in Pieschen, früher eine Druckerei und ganz früher eine Waffenfabrik. Eine eigens gegründete, selbstorganisierte Genossenschaft schuf hier Platz für 22 Wohnparteien und mehr als 60 Ateliers und Gewerberäume. Laut Vorstandsmitglied Anja Kempe liegt das Hauptaugenmerk des Zentralwerks auf dem kulturellen Angebot: „Uns ist es besonders wichtig, dass wir uns nicht von der Gesellschaft abkapseln, sondern kulturelle Angebote für alle Menschen schaffen.“ Mit Konzerten, Ausstellungen und Diskussionsabenden soll vor allem die direkte Nachbarschaft angesprochen werden, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft auch mit einer Kneipe.

Besitzer des Objekts sind über Genossenschaftsanteile die Bewohner. Eine – vergleichsweise geringe – Miete von 200 bis 300 Euro müssen sie dennoch aufbringen, um die Kredite zu stemmen, mit denen die Sanierung bezahlt wurde, denn nennenswertes Eigenkapital hatten die wenigsten. Besitzer und Eigentümer sind nach deutschem Recht jedoch zweierlei Paar Schuhe: Eigentümer des Geländes ist die Stiftung trias, die die Fabrik für die Genossen gekauft hat und sie ihnen nun per Erbbaurecht für die nächsten 99 Jahre verpachtet. Die 40 Genossen arbeiten nicht profitorientiert, somit können alle Räume kostendeckend angeboten werden und sind nicht der Marktlogik ausgesetzt. Von Miethaien wird hier also auch in Zukunft keiner verschluckt.

Im Vergleich zur Genossenschaft ist das bundesweit agierende Mietshäuser-Syndikat recht neu. Die Idee stammt aus Freiburg, wo ehemalige Hausbesetzer einen Weg aus der Illegalität gesucht haben. Laut Kristina, einer Beraterin des Syndikats und selbst Bewohnerin eines Projekts auf der Berliner Straße in der Dresdner Friedrichstadt, steht demzufolge auch die Schaffung von Wohnraum im Vordergrund. „Allerdings gibt es bei fast allen Syndikats-Projekten auch ein kulturelles Angebot und den Versuch einer aktiven Einbindung der direkten Umgebung“, so Kristina.

Das Projekt kommt zustande, indem sich eine Gemeinschaft findet, die nicht eine Genossenschaft, sondern eine GmbH gründet. Das Syndikat wird ebenfalls Gesellschafter dieser GmbH und gemeinsam wird dann das in Frage kommende Haus gekauft. Das ganze Konstrukt ist – wie auch die Zentralwerk-Genossenschaft – nach dem Solidarprinzip gestrickt, womit auch Hartz-IV-Empfängerinnen und -Empfänger preiswerten Wohnraum finden können und nicht an Randlagen abgeschoben werden. Zwar gibt es keine konkreten Zahlen zu Hartz-IV-Empfängern in Syndikatsprojekten in Dresden, doch laut Kristina seien diese „sehr zahlreich in Syndikatsprojekten vertreten, da das ja die Grundidee der ganzen Veranstaltung ist: dauerhaft Wohnraum für Menschen unabhängig ihres finanziellen Hintergrunds zu schaffen.“

Dem Syndikat, also einem Unternehmensverbund aus allen diesen Projekten, obliegt am Ende das entscheidende Stimmrecht bei etwaigen Hausverkäufen: „Der Vorteil des Syndikats ist, dass die Syndikats-Häuser nicht dem Markt zurückgeführt werden können. In so einem Fall müsste es zustimmen, was faktisch ausgeschlossen ist“, sagt Daniel, ein Bewohner des Wohnprojekts auf der Robert-Matzke-Straße in Pieschen und ebenfalls Syndikats-Berater.

Heute hat das Syndikat bundesweit 124 Objekte aus dem privaten Markt „befreit“. Die meisten Projekte wurden in Freiburg, Berlin und Leipzig verwirklicht – doch auch in Dresden gibt es bereits sechs solcher Häuser, in welchen 117 Erwachsene und 33 Kinder wohnen. Damit hat Dresden genauso viele Syndikatsobjekte wie das um ein Vielfaches größere Hamburg. Durchaus bemerkenswert für eine Stadt, in der die Mieten, trotz rasanter Anstiege in den vergangenen Jahren, immer noch deutlich unter denen vieler westdeutscher Großstädte liegen.

Text: Martin Linke

Foto: Amac Garbe

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