Campuskolumne

Dass Politik ein weites Feld für Zank und Streit ist, wurde in den Tagen nach Veröffentlichung meiner letzten Campuskolumne offenbar. Via Facebook hat sich daraufhin eine scharfe Diskussion zwischen Prof. Patzelt und mir entfacht.

Um es ganz kurz zusammenzufassen, seien hiermit die gegensätzlichen Positionen reaktiviert: Ich habe mich an der (vermeintlichen?) These Prof. Patzelts erbost, dass die Merkel-CDU mit ihrer Flüchtlingspolitik „die deutsche Kultur preisgegeben“ hätte und daher der AfD Tür und Tor für neue Wähler eröffnete. Daraufhin habe ich Patzelt kulturalistischen Rassismus vorgeworfen bzw. in der besagten Kolumne polemisch gefragt, ob er sich bewusst ist, dass dies Rassismus sei.

Prof. Patzelt konterte wie gewohnt souverän und machte mich auf das Thomas-Theorem aufmerksam. Er habe – so seine Verteidigung – nicht behauptet, dass Merkel die „deutsche Kultur preisgegeben hat“, sondern nur, dass die ehemaligen und potentiellen CDU-Wähler von eben dieser Partei erwarten, dass sie die deutsche Kultur nicht preisgibt. Da die CDU stets den Anschein wahrte, die „deutsche Kultur“ zu verteidigen, und jenen Anschein nun mit Merkels „Mitte-Kurs“ fallen ließ, seien ihr die Wähler davongelaufen. Auf Basis dieser Theorie fordert(e) er, dass die CDU ihre „rechte Flanke“, die sie aufgemacht habe, schließen möge.

Es lohnt sich allerdings, die ganze Sache erneut zu betrachten. Denn eigentlich war es nicht nur eine politische Debatte, sondern eine darüber, was Wissenschaft ist und was sie zu leisten hat. Daher ist die Patzelt-Kolumne in der Sächsischen Zeitung vom 29. September (siehe Link oben) ein guter Aufhänger für eine solche Analyse.

Doch woher kommt der unterschiedliche Blick auf die Wissenschaft? Als Soziologie-Student habe ich gelernt, gesellschaftliche Phänomene zu analysieren. Das bedeutet für mich eine Dekonstruktion aller einem Phänomen unterliegenden Prämissen. Stößt man während der Analyse auf eine von der Wissenschaft als „problematisch“ analysierte Struktur innerhalb des Phänomens, legt man dies offen. Nicht nur das, man kritisiert die als „problematisch“ aufzufassende Struktur innerhalb des beobachteten Gegenstandes. Für mich sollten die Geisteswissenschaften die Aufgabe der Dekonstruktion und der Beschreibung eines Phänomens annehmen. Kritik ist ein grundlegender Kern der Geisteswissenschaft, so wie ich sie gelernt habe. Ohne kritische (Geistes-)Wissenschaft kein wirklicher Erkenntnisgewinn. In der Geisteswissenschaft ist es zudem nicht sonderlich sinnvoll, wertfrei zu bleiben. Es kann nicht nur darum gehen, was in der Welt ist, sondern auch darum, wie die Welt aussehen sollte. Natürlich und selbstverständlich ist die Analyse eines Phänomens von der Bewertung zu trennen – ansonsten sehe ich kein Problem in einer wertenden Wissenschaft. Im Gegenteil.

Kommen wir zurück zum konkreten Beispiel, das die unterschiedlichen Blickwinkel auf die Wissenschaft aufzeigt: Meiner Meinung nach ist die Analyse Prof. Patzelts, dass die CDU nach rechts rücken müsse, um die Repräsentation zu gewährleisten, sehr problematisch. Ganz abgesehen davon, dass es für die CDU ein denkbar schlechter Rat ist, wie Demoskopen der Forschungsgruppe Wahlen sowie Forsa bestätigen, halte ich die Konservierung rassistischen Gedankenguts aus meiner Sicht auf die Wissenschaft für falsch. Dies ignoriert basale wissenschaftliche Theorien wie die des „Syndroms gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“. Autor dieser elementaren Langzeitstudie ist Prof. Heitmeyer.

Würde man demzufolge die Ansicht, dass Merkel die „deutsche Kultur preisgegeben“ habe, anhand dieser Theorie analysieren, läge es nahe, diese Auffassung als „problematisch“ zu betrachten, da sie mindestens zwei Syndrome gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, nämlich Etabliertenvorrechte und Ethnopluralismus und damit Rassismus, bedient. Der sogenannte Ethnopluralismus ist daher eine moderne Form des Rassismus, da er eine kulturelle Reinhaltung von Staaten nach Ethnien propagiert. Fremdenangst oder gar tätliche Angriffe auf Menschen offensichtlich anderer Herkunft ist aus dieser Sicht eine „natürliche“ Abwehrhaltung oder gar „Notwehr“.

Die unterschiedlichen Perspektiven beruhen auf unterschiedlichen Blickwinkeln auf den Gegenstand: Patzelt ist als Professor für politische Systeme auf der Wahrung eines stabilen Parteiensystems sowie auf Repräsentation fokussiert. Er erkennt eine Repräsentationslücke, also eine Nicht-Abbildung von Meinungen. Doch eine tiefgehende Analyse dieser Meinungen unterlässt er. Die Unterschiede mögen aus unterschiedlichen Traditionen von Werkinterpretationen (Hermeneutik versus Dekonstruktion) stammen. Als Soziologe sehe ich also wahrscheinlich anders auf den Gegenstand als ein Politikwissenschaftler. Für mich ist es problematisch, wenn man rassistische Meinungen schützt, billigt und reproduziert.

Das erörterte Beispiel ist ein guter Hinweis dafür, dass Wissenschaft niemals absolute Objektivität erreichen kann. Denn die für mich zentrale Theorie, mit der man (rechts-)extreme Einstellungen analysieren kann, ist für Prof. Patzelt weniger bedeutsam. In seinem Werk „Pegida. Warnsignale aus Dresden“ ignoriert er oben genannte Theorie (fast) völlig. Daher kann man wohl konstatieren, dass es für alle Wissenschaftler einen gewissen Handlungsspielraum gibt und dass es wohl kaum möglich ist, seine politische Einstellung gänzlich auszublenden.

Übrigens ist Prof. Heitmeyer in den 1990er-Jahren aus Protest gegenüber der Asylpolitik aus seiner Partei, der SPD, ausgetreten. Ein Grund für die geringere Beachtung Prof. Patzelts?

Die nicht absolut mögliche objektive Wissenschaft führt zu dem Hauptproblem, was ich mit Prof. Patzelt und vor allem seinen Auftritten in der Öffentlichkeit habe: Ein Missverständnis ergibt sich nämlich, wie eingangs erläutert, aus dem Irrglauben, dass Wissenschaft komplett wertungsfrei oder neutral sein kann.

Ein weiteres Beispiel von Prof. Patzelt selbst soll das abermals untermauern. Nimmt man sein Werk „Pegida. Warnsignale aus Dresden“ zu Rate und blättert mal bis auf Seite 631 (Anhang 5), bestätigt Prof. Patzelt ganz von selbst, dass er keineswegs (nur) ein „neutraler Beobachter“ ist. Anhang 5 beinhaltet „Innenansichten“ eines Pegida-Anhängers sowie von Anti-Pegida-Anhängern. Die selbst verfasste Innensicht des Pegida-Anhängers ist äußerst eloquent, persönlich und – ja – sympathisch. Die Innensicht des No-Pegida-Anhängers dagegen in einer reißerischen Schrift von Polit-Aktivisten einer Juso-Hochschulgruppe aus Halle verfasst, in der die TU Dresden implizit aufgefordert wird, dass die von Prof. Patzelt verfassten Werke nicht mehr Gegenstand von Vorlesungen und Seminaren sein sollen. Ist das wirklich eine neutrale Gegenüberstellung der beiden Fronten?

Nun ist es jedoch so, dass Prof. Patzelt sich immer wieder als eine neutrale, über den Dingen stehende Instanz inszeniert. Dass das nicht möglich ist, habe ich versucht darzulegen. Noch schlimmer ist freilich, dass er sich vor Kritik immunisiert, indem er sich hinter einer bloßen Beobachter-Rolle versteckt. Doch auch diese kann es nicht geben, weil sie immer von eigenen, in diesem Fall politischen Einstellungen abhängt.

Daher kann man doch konstatieren, dass es unproblematisch ist, wenn Wissenschaftler tendenziös sind (so lange dies nicht bewusst geschieht!), da es unmöglich ist, neutral zu bleiben. Es ist also kein Problem, dass Prof. Patzelt generell der politisch Rechten wohlgesonnener ist. Nimmt man zum Beispiel Prof. Patzelts hehre Absicht, „für bessere Politik sorgen zu wollen”, und überlegt, bei welcher politischen Ausrichtung Prof. Patzelts politische Einfühlsamkeit größer und wann schwächer zu sein scheint, ergibt sich ein Ungleichgewicht. Denn wenn man versucht, die Einfühlsamkeit des Volksveredlers für verschiedene politische Richtungen zu vergleichen, stößt man auf ein erhebliches Rechts-Links-Gefälle zugunsten der rechten Seite.

Problematisch ist also nicht, dass Wissenschaft nicht neutral sein kann. Problematisch ist es jedoch, wenn Wissenschaftler sich in der Öffentlichkeit immer wieder als die neutrale, über den Dingen stehende Instanz inszenieren. Die Krone des Wissenschafts-Populismus setzt man sich nämlich dann auf, wenn man versucht, sich als neutraler Beobachter der Öffentlichkeit zu verkaufen, obwohl man dies gerade nicht ist.

Text: Martin Linke

Foto: Amac Garbe

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