Campuskolumne

Neulich in Hamburg. Hinter mir die Elbphilharmonie (fertig geworden!), vor mir eine Prüfungskommission (macht mich fertig!). Letztere fragt mich, warum sich so wenig junge Menschen aus Ostdeutschland bewerben. Ich fasele irgendetwas von Eltern und Ingenieuren und Prägung, aber eigentlich hätte ich den Prüfer anraunzen wollen, woher ich denn das wissen soll. Schließlich sitze ich leibhaftig vor ihm, denke gerade an meinen Puls und die nächste Frage, aber ganz sicher nicht an meine Postleitzahl. Und die Kunst des Gedankenlesens beherrsche ich leider auch noch nicht. Aber der Prüfer sieht nur den Stempel, der auf meiner Stirn prangt. Darauf steht in großen Lettern und gendermäßig äußerst unkorrekt: Der Ossi. „Hurra“, denkt sich der Prüfer wohl, „Ossi-Quote erfüllt.“ Meine Herkunft ist für andere wichtiger als für mich: Ich sehe mich nicht als Ossi, sondern werde als solcher gesehen.

Dabei sollte man doch meinen, dass junge Deutsche im Jahr 27 nach der Wende mehr eint als trennt: Wir sind im selben Land geboren, mit denselben freien Grenzen aufgewachsen, studieren an denselben Universitäten. Und anders als so manch älterer Verwandter hegen junge Ostdeutsche Nostalgiegefühle wohl eher für StudiVZ und SimCity als für die DDR. Kurzum: Die Mauer sollte nunmehr auch in den Köpfen weg sein. Immerhin empfand 2015 mehr als die Hälfte der 16- bis 29-Jährigen größere Unterschiede zwischen Nord und Süd als zwischen Ost und West. Das heißt aber auch: Ein Drittel der jungen Menschen erachtete die Kategorie Ost/West als völlig legitim. Ein paar Steine stehen also noch.

Völlig verwundern kann das nicht, schließlich lassen sich die Unterschiede zwischen jungen Ost- und Westdeutschen messen. Ein gutes Beispiel ist das Wahlverhalten, zuletzt zu beobachten bei der Bundestagswahl 2013. Auch junge Menschen in Ostdeutschland wählten deutlich häufiger die Linkspartei: 15,7 Prozent der 18- bis 25-Jährigen gaben ihre Zweitstimme den Genossen – damit lagen sie fast zehn Prozentpunkte über Westdeutschen diesen Alters. Und während die NPD von Vertretern dieser Alterskohorte in den alten Bundesländern so wenige Zweitstimmen erhielt, dass der Anteil in der Statistik nicht einmal geführt wird, gaben ihr satte 5,7 Prozent der gleichaltrigen Ostdeutschen die Zweitstimme. Gleichzeitig aber entschieden sich 9,3 Prozent der jungen Ostdeutschen für die Grünen – womit sie ihren westdeutschen Altersgenossen (12,3 Prozent) deutlich näher waren als dem Durchschnitt der Ostdeutschen (5,1 Prozent). Das Bild ist also nicht schwarz-weiß – und doch wäre es naiv, vorhandene Unterschiede zu leugnen.

Der Punkt ist ein anderer: Wer sie erklären will, darf nicht bei der Herkunft stehen bleiben. Mehr noch: Er darf nicht einmal dort anfangen. Man muss nach den Bedingungen fragen, die einen jungen Menschen zu dem machen, der er ist: das Einkommen der Eltern, der Bus, der in die nächstgrößere Stadt fährt, die Perspektiven, die geboten werden. Natürlich unterscheiden sich diese Variablen strukturell zwischen Ost- und Westdeutschland. Eine Studie des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung von 2015 stellte zwar in einigen Bereichen Angleichungen fest: beim Kaufverhalten und der Lebenserwartung etwa. Wir kaufen die gleichen Fernseher und machen sie im selben Alter für immer aus. Doch vor allem bei den Faktoren Wirtschaftskraft, Vermögen oder auch Willkommenskultur konnten die Forscher ziemlich genau die alte Grenze ausmachen. Diese strukturellen Unterschiede sind ein Problem, das es zu lösen gilt – eine Erkenntnis, die alles andere als neu ist. Doch wenn immer noch völlig selbstverständlich in den Kategorien „Ost“ und „West“ gedacht wird, dann verfestigen sich diese Stereotype nur. An ihren realen Ursprüngen ändert das hingegen nichts. Die Frage lautet nicht „Woher?“ sondern „Warum?“.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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