Filmtipp des Monats: Als Paul über das Meer kam

Mit „Als Paul über das Meer kam – Tagebuch einer Begegnung“ gibt Regisseur Jakob Preuss dem Thema Flucht ein Gesicht, ohne dabei zu pathetisch zu werden.

Es gibt einen Moment in Jakob Preuss‘ Dokumentarfilm , der sich einbrennt. Viele bleiben in Erinnerung, aber dieser eine Augenblick, in dem Paul von Bord der Seenotrettung geht, der klebt ein für alle Mal an den Gedanken. Der Mittdreißiger steht an Deck, als andere Flüchtende von Bord geholt werden. Seine Hände zittern unaufhörlich. Sein Gesicht wirkt wie vom Schmerz verzerrt. Die Flucht Tausender: Sie bekommt hier ein persönliches Gesicht.

Schon 2011 beginnt Regisseur Jakob Preuss mit den Recherchen zu seinem neuen Film. Die innereuropäische Sicht ist der ursprüngliche Fokus: Grenzpolitik, Institutionen wie Frontex, die Bundespolizei. Und die Menschen dahinter kommen im Film auch zu Wort – ohne verteufelt zu werden. Es sind Menschen, die ihren Job machen.

Als Preuss im Jahr 2014 dann aber auf Paul trifft, verändert sich die Geschichte. Paul René Nkamani stammt aus Kamerun, wurde 1979 in Douala geboren. Er studierte dort Jura und Politikwissenschaften und war Mitglied im Studentenrat. Nach einem Streik wurde er von der Universität ausgeschlossen. Ein Stipendium in Kanada konnte er wegen des fehlenden Visums nicht nutzen. Er baute Ölpalmen in seinem Heimatdorf an, wurde wegen seiner Stammeszugehörigkeit aber zunehmend angefeindet und verließ Ende 2011 schließlich sein Heimatland. Er durchquerte Nigeria, Niger und Algerien, wo er drei Jahre lang arbeitete, um Geld für die Überfahrt zu verdienen – sein zuvor angespartes Geld musste er Schleusern überlassen. In Marokka schließlich, nahe der spanischen Enklave Melilla, lebt er in einem improvisierten Camp im Wald. Dort trifft er auf Jakob.

Dass sich seine Geschichte ändern wird, dass weiß Jakob Preuss spätestens, als er Paul im spanischen Fernsehen entdeckt, als dieser an Bord der Seenotrettung gezeigt wird. Nur die Hälfte der Bootsinsassen hat die Überfahrt überlebt. Nach 50 Stunden erreichen sie spanisches Festland – völlig traumatisiert. Paul sitzt in Tarifa zwei Monate in Abschiebehaft, wird nach der Freilassung in ein Rote-Kreuz-Heim nach Granada verlegt. Dort sehen sich die beiden Männer wieder. Ein Freund rät Paul, nicht in Spanien zu bleiben. Zu ungewiss sei die Zukunft hier. Frankreich, Belgien, Norwegen und Deutschland kommen für den Kameruner infrage. Dass Jakob aus Berlin kommt, das trägt sicherlich zu Pauls Entscheidung für Deutschland bei. Jakob könnte ihm auch ruhig eine Frau besorgen, findet Paul und ist sichtlich sauer, dass dieser gar keine Anstalten macht, das auch nur vorzuschlagen.

Als Paul endlich in Berlin ist, schlägt die kalte deutsche Bürokratie zu.  In der Zentralen Aufnahmestelle im Landesamt für Gesundheit und Soziales (LAGeSo) erklärt man ihm, dass er nach Eisenhüttenstadt muss. Auf dem Weg dorthin will sich Jakob nicht mehr einmischen – und erntet Verständnislosigkeit von Paul.

Gerade dieses Verschwimmen von Grenzen macht den Film dabei so spannend. Was als objektiver Film über die europäischen Grenzen gedacht war, wird ein persönliches, tagebuchartiges Porträt über einen Flüchtling, der zudem sehr charismatisch ist und die Ereignisse reflektiert. Paul hat seine Ecken und Kanten. Dass Preuss die Grenzen der Objektivität überschreitet und damit auch manchmal hadert, das macht der Regisseur recht deutlich. Jegliche Bedenken wirft er spätestens dann über Bord, als Paul bei Jakobs Eltern einzieht.

„Als Paul über das Meer kam – Tagebuch einer Begegnung“ ist ein wichtiger Film, der nicht nur verschiedene Perspektiven und Beweggründe aufzeigt, sondern ganz nebenbei auch noch die Themen Integration und Grenzpolitik behandelt. Dabei ist er nie einseitig, nie anbiedernd, immer transparent – und bindet zudem animierte Szenen wunderbar mit ein. Die Deutsche Film- und Medienbewertung vergibt deswegen das Prädikat besonders wertvoll. Zahlreiche Festivals und die Autorin schließen sich dem an.

Die Zukunft von Paul ist ungewiss. Trotz aller Widerstände möchte er aber in Deutschland bleiben.

Text: Nadine Faust

Foto: Weydemann Bros./Juan Sarmiento G.

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