Campuskolumne

Wahlkampf – so richtig passt das Wort nicht zu dem, was gerade zwischen Merkel und Schulz passiert. Viel Kämpferisches hat es nicht, wenn die Kanzlerin den Dieselskandal ignoriert, um entspannt in den Alpen ein paar Tage zu wandern. Oder wenn der einzige mediale Wahlkampf-Inhalt die schlechten Umfragewerte der SPD sind. Die Politik hat sich an die Medien angepasst: Wir sind im Sommerloch. Und das in einer Zeit, in der es viel zu tun gäbe für einen deutschen Regierungschef. Die EU ist in der Krise, das Klima dreht durch, Geflüchtete müssen integriert werden. Und dann sind da noch Trump und die AfD. An Wahlkampfthemen mangelt es also nicht.

Aber Merkel wandert. Und die Deutschen freuen sich darüber. Denn bei Merkel wissen wir, was wir haben. Merkel ist die Personifizierung des Deutschen: beständig, pragmatisch, spießig – und dabei charismatisch wie ein Stück Holz. Auf so jemanden kann man sich verlassen. Keinem fällt dabei auf, dass Merkel in Krisensituationen nie besonders bedacht reagiert hat. Sei es der Atomausstieg, die Flüchtlingskrise, der große politische Druck wegen der Ehe für alle – immer war Merkels Reaktion ein spontaner Alleingang. Wie war das mit dem Fels in der Brandung?

Trotzdem ist Angela Merkel die unbestrittene Königin der Umfragen. Sie kann sich ganz offensichtlich nicht nur Alleingänge leisten, sondern auch einen entspannten Wahlkampf. Denn wir haben es uns in unseren politischen Verhältnissen bequem gemacht. Was ein neuer Kanzler bringen würde – keine Ahnung, aber unter Merkel war es doch ganz okay. „Angies“ Wahlspruch bringt es auf den Punkt: „Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“. Das klingt nach spießbürgerlichem Pragmatismus. Keine Veränderungen, Diskussionen, keine Mitbestimmung: Wir wollen einfach nur in Ruhe unser Feierabendbier trinken. Diese Einstellung ist jedoch gefährlich.

„Wo keine Ideen diskutiert werden, wo nicht über alternative Zukunftsentwürfe geredet wird, da braut sich immer was zusammen“, sagte der Politikwissenschaftler Jens Hacke am Montag dem Deutschlandfunk. Er sieht für Europa und Deutschland eine düstere Zukunft. Regression sei zu erwarten, ein Aufleben von Nationalismus und Verschwörungstheorien. 1930 2.0? Angesichts der Vorstellung kann einem schon mal ein Schauer über den Rücken laufen.

Aber wir haben unser Schicksal selbst in der Hand. Wir können unseren Hintern vom Sofa heben und uns gegen die Bequemlichkeit entscheiden – und für den Fortschritt. Wir können anfangen, miteinander zu diskutieren, gern auch über die wirklich wichtigen Dinge. Was passiert eigentlich mit unseren Enkelkindern in 50 Jahren, wenn wir heute Nutella mit Palmöl essen? Wie können wir verhindern, in Deutschland auch an einen Trump zu geraten? Wir können kritisch nachfragen, bis wir irgendwann Politik verstanden haben. Wir können uns einmischen, laut sein, streiten. Wenn wir der Zukunft entgegenlaufen, können wir entscheiden, wo wir sie treffen. Nämlich hoffentlich nicht in den 1930ern.

Text: Alisa Sonntag

Foto: Amac Garbe

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