Leises Ende

Am 1. September wird es ernst: Die ersten Jura-Professoren ziehen gen Leipzig. Doch an der Juristischen Fakultät der TU Dresden geht alles normal weiter – auf den ersten Blick.

An einem schwülen Dienstagnachmittag sitzt Jan-David Kallies im Büro des Fachschaftsrates (FSR) Jura und lernt. Das Büro könnte auch die SLUB sein, so ruhig und aufgeräumt ist es hier. An der Wand hängt ein Reisekalender, die große Tafel ist fast leer. Keine hitzigen Diskussionen, keine kessen Sprüche. Hat nicht vergangenen Sommer noch halb Hochschuldeutschland über die vom Freistaat vorgesehene Einstellung des Bachelorstudiengangs Law in Context und des Masterstudiengangs Wirtschaftsrecht – sprich: die Abschaffung der Juristischen Fakultät an der TU Dresden – diskutiert? War da nicht der Wirbel um die Stiftungsprofesssur, die Dresdner Notare der TU Dresden finanzieren wollten?

Ja, da war was. Schon 2004 hatte die Landesregierung die Einstellung des Staatsexamenstudiengangs beschlossen. In der Folge wurden der Bachelorstudiengang Law in Context sowie der Masterstudiengang Wirtschaftsrecht eingeführt – nun hat auch deren Stündlein geschlagen. Die Hochschulentwicklungsplanung 2025, die das Sächsische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst (SMWK) und die sächsischen Hochschulen und Universitäten 2016 verabschiedeten, besiegelt die Konzentration der sächsischen Rechtswissenschaften an der Universität Leipzig und damit das Ende der Juristischen Fakultät an der TU Dresden. Im Sommer 2016 wollten 60 potenzielle Spender dieser zwar für 1,2 Millionen Euro eine Stiftungsprofessur finanzieren, aber die Uni lehnte ab.

Ein Jahr später ist alle Aufregung passé. Es ist Ruhe eingekehrt an der Juristischen Fakultät – so sie denn je ganz weg war. Auch die Studierenden haben sich abgefunden mit dem Ende ihrer Fakultät. „Die Protestphase ist vorbei“, sagt Kallies. „Es geht nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie.“

Dieses Wie ist in vollem Gange. Das haben zwei Infoveranstaltungen des Dekanats gezeigt, die auf Bestreben des FSR Ende Mai und Ende Juni stattgefunden haben. Zentrale Erkenntnis: Zunächst fünf Lehrstühle werden nach Leipzig versetzt, zwei zum Wintersemester 2018/19 – und drei bereits am 1. September, in zwei Wochen also. Zum Wintersemester 2017/18 gehen Prof. Arnd Uhle, Prof. Jochen Mohr und Prof. Gregor Roth nach Leipzig. Alle drei gehörten bis zur Neuwahl am 13. Juli dem Dekanat der Fakultät an: Uhle als Dekan, Mohr als Prodekan (eine Art Stellvertreter) und Roth als Studiendekan (mit besonderer Verantwortung für die Lehre). Zum Wintersemester 2018/19 ziehen die nächsten zwei Lehrstühle nach Leipzig. Die Betroffenen selbst hätten dies so entschieden und ihre Versetzung beantragt. Das Rektorat hat die Entscheidung dann nur noch abgesegnet. Die TU Dresden sei im Vorfeld einbezogen wurden, weshalb alle Versetzungen „ohne Unstimmigkeiten“ verliefen, sagt Kim-Astrid Magister, Pressesprecherin der Universität.

Was für die Studierenden an der TU Dresden wohl noch wichtiger ist: Für Ersatz ist offiziell gesorgt. „Nicht zuletzt auf Grund der vom SMWK zugesagten finanziellen Mittel sind die Vertretungen finanziell abgesichert“, sagt Magister. Alle Lehrveranstaltungen könnten so stattfinden, wie sie im Studienplan vorgesehen sind. Um auch Abschlussarbeiten abzusichern, sollen die Vertretungen für den Mindestzeitraum von einem Jahr organisiert werden. Doch wer genau kommen wird, ist noch nicht bekannt.

Auch in einem anderen Punkt ist die Unklarheit bisher groß: Zum Wintersemester 2018/19, wenn insgesamt fünf Professuren die TUD verlassen haben werden, ist die Mindestanzahl von „Stammprofessuren“ für eine Fakultät unterschritten: Sieben Professoren mit mitgliedschaftlichen Rechten müssen im Fakultätsrat vertreten sein, so will es die Grundordnung. Elf sind es aktuell, acht nach dem Weggang der drei Professoren ab dem 1. September. Maximal sechs aber werden es ab dem 1. September 2018 sein, schließlich sind dann insgesamt fünf Professoren gen Leipzig gezogen. Doch was dann? Eine Möglichkeit: die Umgestaltung in ein rechtswissenschaftliches Institut. Wie wahrscheinlich das ist und welche Folgen eine derartige Umgestaltung hätte, war jedoch noch nicht in Erfahrung zu bringen. „Es wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die unter anderem an diesen Fragen arbeitet“, sagt Kim-Astrid-Magister. „Wir können überhaupt noch keine belastbaren Aussagen treffen“, sagt Kallies – nicht nur einmal.

Viele Bekundungen, wenig Konkretes. Kallies Eindruck: „Die Studierenden sind verunsichert.“ Gerade Studierende jüngerer Semester würden häufig beim FSR anklopfen mit der Frage, ob sie die Uni nicht lieber wechseln sollen. Doch davon raten Kallies und seine Kollegen ab, schließlich gehen auch sie davon aus, dass der Abschluss bereits immatrikulierter Studierender „keinesfalls“ gefährdet ist.

Es ist vor allem die interne Kommunikation, die Kallies kritisiert. „Die Prozesse sind sehr intransparent.“ Werden ausreichend Vertretungen gefunden? Wer ist es? Wird auf den Abschlusszeugnissen der letzten Absolventen noch das Wort „Fakultät“ prangen? Kallies weiß es nicht: keine belastbaren Aussagen. Darauf angesprochen, bleibt Pro- und Studiendekan Prof. Dietmar Schanbacher wortkarg: Die Planungen liefen, die Studierenden werden rechtzeitig informiert. Auch Kallies räumt ein, die Zusammenarbeit mit dem alten und dem neu gewählten Dekanat als gut empfunden zu haben. Liegt der schwarze Peter vielleicht beim SMWK? Kaum. Pressesprecher Andreas Friedrich erklärt, auf die universitätsinternen Entscheidungen und Kommunikationsprozesse habe sein Haus „keinen Einfluss“.

Zentrum der Macht ist das Rektorat. Dieses habe, wie TUD-Pressesprecherin Magister erklärt, final über die Einrichtung zu entscheiden. Doch für die Kritik des FSR hat sie kein Verständnis: Man sei auf „größtmögliche Einbeziehung aller beteiligten Gremien“ bedacht. Dies betreffe beispielsweise den Senat, in dem auch studentische Vertreter sitzen.

Auch Kallies betont, dass die Studierenden „nicht völlig außen vor“ seien. Vor allem stört ihn, dass viele Entscheidungen erst sehr kurzfristig kundgetan werden. Beispiel Vertretungen: Rektorat und Dekanat sichern zu, dass ausreichend Vertretungen gefunden werden – doch konkreter werden sie nicht. „Damit ist offen, ob der Übergang klappt“, sagt Kallies. Das ist Kallies besonders wichtig: ein reibungsfreier Umbruch. Damit alle Studierenden an der Juristischen Fakultät normal weiter und zu Ende studieren können. „Das wäre dann sozusagen Glück im Unglück.“

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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