Sprachchaos im Sachsen-Reich

Analog zum mehrmaligen Scheitern der Ehe für alle im Bundestag wurde bereits fünfmal ein Antrag zur Umbenennung des Studentenrats der TU Dresden abgelehnt. Nun gibt es einen erneuten Versuch.

Das Prinzip heißt Durchhalten, Druck aufrechterhalten und letztlich den längeren Atem haben! Zumindest bei jenen im Studentenrat (StuRa) der TU Dresden, die sich für die Umbenennung in Studierendenrat einsetzen. Der Antrag wurde vom Referat Gleichstellungspolitik, dem Referat Hochschulpolitik, dem Referat WHAT („Wissen, Handeln, Aktiv teilnehmen“) und dem Referat Politische Bildung desselben bereits eingereicht – abgestimmt wurde bisher darüber noch nicht.

Die Debatte um geschlechtergerechte Sprache und die Kritik an der mehrheitlich männlich dominierten ist nicht neu und durchzieht weite Bereiche der Gesellschaft. Auch innerhalb dieses Mediums, der Redaktion Campusrauschen, wird diese Frage kontrovers diskutiert. Einigkeit herrscht einzig in dem Punkt, dass es keine Einigung gibt, daher formuliert bei uns jeder und jede nach Gutdünken. Einen Konsens wird es auch innerhalb des Studentenrats in Dresden nicht geben – es geht einzig um Mehrheiten.

Die 23-jährige Soziologiestudentin Jasmin Usainov, Mitglied des Referats Gleichstellung, sieht zahlreiche Gründe für die Umbenennung: „Die Benutzung des generischen Maskulinums zementiert die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern. Daher wollen wir eine Sprache durchsetzen, die allen Geschlechtern gerecht wird.“ Geplant ist daher die Umbenennung in Studierendenrat. Zwar sei auch eine Umbenennung in Student_innenrat, so wie zum Beispiel das Pendant in Leipzig heißt, denkbar gewesen, „allerdings erschien uns Studierendenrat mehrheitsfähiger“, sagt Jasmin.

Es soll allerdings nicht nur der Name geändert werden. Die komplette Geschäftsordnung könnte in eine geschlechtsneutrale Sprache verwandelt werden. Hierfür gibt es vielfältige Möglichkeiten, das Referat Gleichstellung hat sich für den Doppelpunkt entschieden. „Die Antragssteller:innen“ soll es also beispielsweise heißen. „Der Doppelpunkt inkludiert auch andere Geschlechter, die nicht in das Mann-Frau-Schema passen“, erklärt die 25-jährige Annett Petzold, ebenfalls Soziologiestudentin und Mitglied des Referats Gleichstellung. In die Wortwahl sollen also beispielsweise auch Trans- und Intersexuelle eingeschlossen werden. Annett ist es zudem wichtig anzumerken, dass sie nicht gewillt seien, „die richtige Art zu gendern im StuRa durchzusetzen, sondern eher, dass sich der StuRa überhaupt offen und modern gibt und eine grundlegende Toleranz nach außen vermittelt. Dabei ist es nicht wichtig, ob mit Stern, Doppelpunkt oder Lücke gegendert wird, sondern nur, dass Frauen und andere Geschlechtsidentitäten prinzipiell sichtbar sind.“

Derzeit herrscht im Studentenrat ein heilloses Sprachchaos. Der Name desselben ist zwar in der männlichen Form gehalten, doch die Geschäftsordnung ist komplett mit der weiblichen Form belegt. Der Name desselben benachteiligt also Frauen, die Geschäftsordnung Männer?

Für Jasmin Usainov muss dieser Zustand endlich beendet werden. „Unser Antrag wird für eine einheitliche Regelung sorgen, welche keine Menschen ausschließt, das derzeitige Hickhack aber beendet.“ Die momentane Situation geht auf einen Antrag im Studentenrat aus dem Jahr 2008 zurück. Dabei wurde einzeln für oder gegen eine Umbenennung des Studentenrats bzw. der Formulierung der Geschäftsordnung abgestimmt. Der Antrag auf Umbenennung des Studentenrats wurde zwar ganz knapp abgelehnt. Doch es war schon spät und einige Gegner der Umbenennung sind gegangen. Als Ausgleich zum männlich besetzen Namen ging der Antrag auf eine ausschließlich weibliche Formulierung innerhalb der Geschäftsordnung positiv durch. Das Sprachchaos war perfekt.

Jenes zu beseitigen würde auch gerne der 28-jährige Student der Regenerativen Energiesysteme, Daniel Förster, welcher ebenfalls Mitglied im StuRa ist: „Natürlich wäre es schön, wenn da endlich aufgeräumt wird. Wenn aber einmal aufgeräumt wird, dann sollte man nicht schon wieder Stückwerk anfangen, sondern alles einmal sauber machen.“ Mit „sauber machen“ meint Daniel eine Rückkehr zum „normalen“ Gebrauch der Sprache: „Ich bin dafür, dass alles ganz normal in seiner Ursprungsvariante genannt wird und Menschen nicht künstlich verweiblicht und vermännlicht werden.“ Allerdings wünscht sich Daniel einen Ausgleich mit jenen, die für eine geschlechtergerechte Sprache sind, und würde Formulierungen mittragen, die „sinnig sind und auch schön klingen“. Vorschläge in diese Richtung hat Daniel zwar keine, er stünde aber für eine „konstruktive Diskussion, die verschiedene Möglichkeiten erörtert“, bereit.

Den jetzigen Antrag wird Daniel aber auf jeden Fall ablehnen. Seine Argumente gegen geschlechtsneutrale Sprache sind folgende: Die Benutzung des Plurals, also zum Beispiel „die Studenten“, sei per se geschlechtsneutral. „Die Studenten“ seien keine männlichen Studenten, da der Plural „kein Geschlecht verankert hat“, sagt Daniel. Auch seien Bezeichnungen wie Student oder Ingenieur nicht zu gendern, da „Berufsstände sächlich sind“. „Die Genderwissenschaft meint zwar, dass man bei der Nutzung der normalen Bezeichnung in erster Linie an Männer denkt. Für mich ist das aber nicht so, da die Berufsstände wie erwähnt sächlich sind. Die Folge daraus ist, dass ich einen grundsätzlichen anderen Gedanken bei einem Wort wie Student habe und somit Gendern für mich nicht in Frage kommt.“

Allerdings belegen wissenschaftliche Studien, dass die ausschließliche Benutzung des generischen Maskulinums Frauen und andere Geschlechter ausschließt. Zwar kann man wohl Frauen mit meinen, allerdings denkt man eben doch in erster Linie an Männer. Studien im englischsprachigen Raum ergaben zum Beispiel, dass ein Großteil von Erst- und Drittklässlern das generische Maskulin nicht versteht und stattdessen das grammatische Geschlecht mit dem biologischen Geschlecht gleichsetzt. Es kam heraus, dass keine 30 Prozent der Erstklässler und immerhin nur 84 Prozent der Studierenden beide Geschlechter in gleichen Maßen mitdenken, wenn nur die männliche Bezeichnung gefallen ist.

Für Jasmin Usainov sind diese Untersuchungen das ausschlaggebende Argument. „Alle Studien belegen es – wieso können wir das nicht anerkennen? Sprachlicher Ausschluss von Menschen heißt gedanklicher Ausschluss!“ Kritiker der Verwendung gäben zudem oft an, dass der Sprachfluss bei der Verwendung der geschlechtsneutralen Sprache gestört sei. „Die Gesellschaft der deutschen Sprache hat dieses Argument allerdings widerlegt und betont, dass es den Sprachfluss nicht stört. Zudem sieht das Institut kein Problem bei der Verwendung der gendergerechten Sprache“, sagt Jasmin. Der Untergang der deutschen Sprache sei also gegenwärtig nicht zu befürchten.

Daniel Förster macht allerdings auch pragmatische Gründe geltend, wieso er gegen den Antrag ist. „Bei einem Antrag an ein Gremium müssen immer alle Folgekosten für den Antrag bereitgestellt sein, was nicht getan wurde. Der Entscheider, also bei uns das StuRa-Plenum, muss in der Lage sein zu wissen, was das kostet. Es ist das Geld der Studenten, welches hier ausgegeben wird.“

Für Jasmin Usainov sind die Kosten ein vernachlässigbarer Faktor: „Insgesamt sind maximal 2.000 Euro einzuplanen, um die nötigen Änderungen vorzunehmen.“ Größter Kostenpunkt ist die Änderung des Türschilds, welcher wohl mit 1.000 Euro zu Buche schlagen würde. Allerdings sei das gegenwärtige Türschild sowieso überholt, da falsche Öffnungszeiten darauf stünden. Ansonsten kämen auf den Studentenrat nur kleinere Kostenpunkte zu – die T-Shirts mit der Bezeichnung „StuRa“ müssten nicht erneuert werden, da dies ebenso die Abkürzung des Studierendenrats ist. „Wenn man anschaut, dass wir 33.000 Euro für das Event Schampus auf dem Campus bewilligt haben, sind die 2.000 Euro wirklich Peanuts.“

Übrigens gibt es nur noch in Dresden und Freiberg einen Studentenrat, wie die Recherchen der Antragstellerinnen ergaben. Im gesamten Bundesgebiet heißt dieser an Universitäten entweder Studierendenrat, Student*innenrat oder ähnlich. Dresden ist also mittlerweile eine echte Außenseiterin. Jasmin Usainov kommentiert diesen Fakt mit „sächsischer Sumpf“. Als sie letztens auf einem Vernetzungstreffen war und von der Situation in Dresden berichtet hat, sei sie ungläubig angeschaut und der StuRa als „hinterwäldlerisch“ bezeichnet wurden. Die mittlerweile bundesweit belächelten „sächsischen Verhältnisse“ sind – nicht nur bei diesem Problem – augenscheinlich und nicht wegzudiskutieren. Egal wie man zum Thema steht.

Text: Martin Linke

Foto: Amac Garbe

Der Artikel wurde am 04.07.2017 um 23.13 Uhr korrigiert.

4 Gedanken zu “Sprachchaos im Sachsen-Reich

  1. „Mit „sauber machen“ meint Daniel eine Rückkehr zum „normalen“ Gebrauch der Sprache:“ …. „Die Genderwissenschaft meint zwar, dass man bei der Nutzung der normalen Bezeichnung in erster Linie an Männer denkt. Für mich ist das aber nicht so, …“
    Zwei Fragen: 1. Wieso ist der alte, patriarchalisch geprägte Sprachgebrauch der „normale“? Er ist doch wohl nur der überlieferte, aber nicht mehr ausreichende. Sonst könnte man ja auch Kutsche Fahren statt Auto
    2. Wer gibt Daniel das Recht, etwas, das für ihn nicht so ist, anderen, die das anders sehen, aufzudrängen? Gehört die Sprache Daniel?

    1. Sehr geehrter Herr Prof.Dr. Porsch,

      in der Sprache gibt es kein allgemein gültiges Normal. Ich wurde im Rahmen der Recherche zu dem Artikel angesprochen, da ich im StuRa-Plenum oft eine Meinung einnehme die nicht der Allgemeinheit entspricht. In einem Interview hab ich mich mit Martin Linke unterhalten und meine persönlichen Gedanken preis gegeben.
      Zu ihrer ersten Fragen, für mich persönlich in meinem Sprachgebrauch ist das normal was ich ohne darüber nachzudenken benutze. Im Rahmen der Diskussionen zum Gendern haben ich natürlich auch meinen eigenen Sprachgebrauch in Frage gestellt und ganz für mich persönlich überlegt, wen meine ich wenn ich von Studenten spreche. Da ich eher unpatriachisch erzogen und aufgewachsen bin, verbinde ich damit alle Geschlechter.
      Da ich aber nur für mich sprechen kann, braucht es auch Menschen wie Jasmin, die dafür sorgt, dass Menschen die bewusst durch Sprache Unterschiede prägen wollen, entgegen tritt.
      Wie sie aber selber als ehm. Parlamentarier wissen, muss jeder Mensch der in ein Amt gewählt wurde seine Entscheidungen mit seinem Gewissen vereinbaren. Also ist jede Entscheidung aus einem selbst heraus zu treffen. Und genau aus diesem Grund kann ich dem jetzigen Antrag so wie er gestellt ist nicht zustimmen.

      Zu ihrer zweiten Frage: Nein die Sprache gehört nicht mir, in dem ich sie aber nutze und das auf meine persönliche Weise präge und gestalte ich sie mit. Und ich glaube wir können uns einig sein das so etwas wie „was für 1 Life“ oder „vong“ ungern benutzten. Ich habe kein Recht dazu irgendjemanden etwas aufzudrängen, ich wurde aber von Menschen die mich gewählt haben dazu gebeten meine Meinung in dem Plenum zu vertreten.

      Und noch zum Kutschen fahren, das Auto wurde früher Benzinkutsche genannt.

      Ich hoffe ich konnte ihren Fragen beantworten und wünsche mir weiterhin viele Diskussionen in denen man sich austauschen kann, denn nur so findet man einen gemeinsamen Nenner auf den man sich einigen kann.

  2. //„Die Gesellschaft der deutschen Sprache hat dieses Argument allerdings widerlegt und betont, dass es den Sprachfluss nicht stört. Zudem sieht das Institut kein Problem bei der Verwendung der gendergerechten Sprache“//

    Wäre es möglich, für diese beiden Positionierungen des GfdS die dazugehörigen Quellen zu bekommen?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.