Campuskolumne

Die Raupe sieht aus wie ein Dino ohne Beine. Sie krabbelt vor mir auf dem verwittertem Holztisch, bei jeder Bewegung gehen Wellen durch ihren gedrungenen Körper, als würde sie würgen. Ab und an reckt sie den Kopf, dann fällt sie runter. Gekommen, um zu fallen. Weg ist sie.

Eigentlich hätte ich die Raupe nie sehen sollen. Schließlich war ich gerade daran, meine Mails zu lesen — aber der Mai neigt sich dem Ende und damit auch mein Datenvolumen. Erst wird das Internet langsamer, dann ist es weg. Wahrscheinlich ist diese Aussage technisch so unkorrekt, dass alle ITler gerade in Ohnmacht gefallen sind. Doch ist nicht gerade das der Punkt? Smartphones vereinnahmen ihre Besitzer — egal, wie viel sie von ihnen verstehen. Wer nicht kochen kann, steht nicht stundenlang in der Küche. Wer nicht rechnen kann, studiert kein Mathe. Smartphones aber werden mir nichts, dir nichts zur Grundkonstante des Alltags.

Unimails, private Mails, Facebook, WhatsApp, SMS und Telefon — würde es nicht so nach Flugmeilensammler mit übersteigertem Selbstbild klingen, könnte man sagen: Hier laufen meine Fäden zusammen. Also schafft mein Handy den Weg in den Rucksack meist gar nicht erst, sondern verweilt stets griffbereit in der Hosentasche. Bis auf jene knapp 100 Mal am Tag freilich, die ich es neugierig in die Hand nehme. Ob auf Hunderunde, während der Uni oder beim Essen. Könnte ja ein wichtiger Anruf sein, obwohl ich den gar nicht erwarte. Oder eine Mail, die mich über ein life-changing event informiert. Der kleine schwarze Kasten ist die Manifestation der ständigen Hoffnung, dass irgendetwas Aufregendes passiert. Als ob Pressemitteilungen über den Spatenstich einer neuen Polizeidirektion in Zwickau oder krassbrutalunschlagbare Angebote hinterwäldlerischer Onlineshops relevant oder gar spannend wären. Aber man weiß ja nie. Also besiegen ein paar Nullen und Einsen immer wieder meine Konzentration auf die Arbeit, auf die Gerüche und Geräusche, auf die Welt um mich herum. Selbst wenn ich mich nie stundenlang ablenken lasse, sondern nur einen kurzen Blick aufs Display werfe — jeder versetzt dem direkten Geschehen einen Nadelstich. Ich verlerne Fokussierung, Vorfreude, Geduld. Und: Wertschätzung. Wertschätzung für das echte Leben. Und Raupen.

Natürlich sind iPhone, Samsung Galaxy und Co. nicht die Personifikation des Bösen. Technik ist Mittel, nicht Zweck. Es kommt darauf an, wie wir mit ihr umgehen. Zum Glück ist mein Smartphone nicht nachtragend und mutiert nicht gleich zum Tastenhandy mit leerem Akku, wenn ich es mal eine Weile ignoriere. Also werde ich es öfter mal in den Flugmodus schalten. Dann hält sogar das Datenvolumen länger.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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