Die neurechten Hipster

Auf YouTube und Instagram geht es nur um süße Katzenbabys, hippen Lifestyle und nackte Körper? Nicht ganz. Die neurechte Identitäre Bewegung nutzt die Plattformen, um Anhänger für ihre politische Gesinnung zu gewinnen.

Ein grauer Nachmittag auf dem Zwickauer Neumarkt. Die Stühle vor dem Café sind größtenteils leer, Decken hängen über den Stuhlrücken. An einem der Tische sitzt Tony Gerber. Ein 29-Jähriger mit Rauschebart, über 800 Followern auf Twitter und eigenem YouTube-Kanal. Man könnte sagen: ein Hipster. Der Mann mit den sympathischen Segelohren ist nicht nur Mitglied der Identitären Bewegung, sondern Regionalleiter aller fünf, bald sechs sächsischen Ortsgruppen. Damit spielt er im politischen Fiasko Sachsens eine Schlüsselrolle, denn die Identitäre Bewegung könnte ein Vorgeschmack auf die Zukunft rechter Gruppierungen sein. Deutschlandweit zählt sie aktuell 400 bis 500 Mitglieder, Tendenz steigend. Warum? Identitäre geben sich nicht nur professionell und akademisch, sondern auch hip. Die Bewegung ist nicht nur eine Organisation, sie ist eine Marke.

Und eine Marke braucht ein Logo: Das Symbol der Bewegung – ein Lambda auf gelbem Grund – haben sie sich angeblich aus dem Film „300“ abgeschaut. Die Spartaner sollen es auf ihren Schildern getragen haben, als sie sich circa 500 vor Christus gegen die einfallenden Perser verteidigten. Das Symbol ähnelt aber auch dem der SA im Dritten Reich.

Das passt auch zu Tony Gerbers Vergangenheit: Früher war er in der extremen Rechten aktiv. Laut der ZDF-Sendung Frontal21 entstammt er dem Umfeld eines mutmaßlichen NSU-Unterstützers. Von dieser Art politischen Engagements, sagt er, sei er mittlerweile weit entfernt: „Das war eine Jugendsünde. Ich habe recht schnell gemerkt, dass ich mich dort nicht heimisch fühle und mich von denen distanziert.“ Und doch haben beispielsweise laut Recherchen von Zeit Online zwei Drittel der Identitären in Thüringen einen „rechtsextremistischen Vorlauf“. Von den typischen Nazis spricht Gerber dennoch als „alte Spinner mit NS-Fetisch“.

Tony Gerber ist im Sicherheitsgewerbe aktiv, aber er hat per Fernstudium Politikwissenschaften und Europäische Geschichte studiert. Leichtfertig nimmt er Worte wie Ethnogenese und Egalitarismus in den Mund. Zum deutschen politischen System hat er eine klare Einstellung: Eine Demokratie sei es nicht. Für Tony Gerber ist klar: „Es gibt eine herrschende, vorgefertigte Meinung und wer da nicht reinpasst, wird an den Rand gedrängt.“ Mehr direkte Demokratie soll Abhilfe schaffen: Jeder soll mitreden können, mindestens in zahlreichen Volksabstimmungen, besser noch bei Volksversammlungen im Stile des alten Athens.

Eine echte, gelebte Demokratie – das sei nur eines der Ziele der Identitären Bewegung, erklärt er. Auch die Bewahrung kultureller Identität und Rückbesinnung auf die Heimat gehören dazu. Die Vorhaben sollen vor allem mit modernen, spaßigen Mitteln erreicht werden. Die Identitären organisieren Flashmobs und Internetaktionen, sie erklimmen das Brandenburger Tor und besetzen SPD-Büros. Beinahe wichtiger als die Aktionen selbst scheinen dabei Fotos von ihnen zu sein: In internen Unterlagen heißt es laut Zeit Online, die Bilder müssten „Macht, Kraft und Sieg symbolisieren“ – und ohne „klare Aufnahmen in guter Qualität“ seien Aktionen „nutzlos“.

Ziel solcher Aktionen sollen nicht Migranten sein, sondern die Politiker, die die Identitäre Bewegung verantwortlich macht für die ihrer Meinung nach fehlgeleitete Politik. Vollkommen ausschließen aber möchte Tony Gerber Aktionen, die sich direkt gegen Migranten richten, nicht. „Wenn es beispielsweise mal wieder zu einer Schlägerei in einem Asylbewerberheim oder zu einer Vergewaltigung kommt, dann protestieren wir auch mal direkt vor dem Heim.“

Einer, der sich in seiner Forschung mit neurechten Bewegungen und ihren Aktivitäten auseinandersetzt, ist Sebastian Trept vom Institut für Politikwissenschaften der TU Dresden. Die Identitäre Bewegung, sagt er, habe zwar eine Entwicklung hingelegt, die in Deutschland keine neurechte Partei außer der NPD geschafft habe. Dennoch seien ihre Ausmaße noch nicht besorgniserregend. Im Vergleich mit den Bewegungen in Österreich und Frankreich, wo die Identitäre Bewegung entstand, sei die Zahl der aktiven Mitglieder in Deutschland eher klein. Und obwohl sie sich energisch von der alten Rechten distanziere, sei es doch auffällig, wie viele der Akteure früher im extrem rechten Spektrum aktiv gewesen seien. Für den akademischen Anstrich, den sich die Identitären gern geben, findet er deutliche Worte: „Die schmücken sich mit viel intellektuellem Tamtam, aber ehrlich gesagt würde ich den meisten von denen am liebsten empfehlen, sich mal in eine unserer Vorlesungen zu setzen.“ Hinter den Thesen der Identitären steckten in vielen Fällen Fehlinformationen.

Rassismus ohne Rassen

Die Theorie, auf der das Denken der Identitären Bewegung basiert, heißt Ethnopluralismus. Deren Kern: Alle Ethnien sollen ihre eigene Identität aktiv erhalten, sodass insgesamt kulturelle Vielfalt erhalten bleibt. Dafür soll möglichst große geographische Distanz zwischen ihnen bestehen. Eine Wertung der Kulturen möchten die Identitären jedoch nicht vornehmen: Sie sollen alle denselben Stellenwert haben. In der Extremismus-Forschung ist vom Ethnopluralismus auch als „Rassismus ohne Rassen“ die Rede. Forscher bewerten die Ideologie der Neurechten als rassistisch, weil sie in ihr eine biologische Komponente sehen, die – weitergedacht – zu Rassismus führt. „Deutsche“ und „Passdeutsche“: Für Tony Gerber ist das nicht dasselbe. „Nur weil jemand einen deutschen Pass hat, ist er ja noch lange kein Deutscher.“ Auch gut integrierte Menschen, deren Urgroßeltern vor Jahrzehnten nach Deutschland einwanderten, sind für ihn Ausländer. Was unterscheidet zwei Menschen mit deutschem Pass, wenn es nicht die Kultur ist, nicht die Sprache, nicht das Umfeld? Ihre Gene. Ihre Hautfarbe. Er streitet das nicht ab, betont aber: Die Identitären unterscheiden nur, sie werten nicht.

Trept widerspricht. „Ethnopluralismus ist hier auch nur eine schöne Ausrede für Rassismus“, sagt er. Die Identitären würden die Identität einer Person in erster Linie an der Biologie, aber auch an der Kultur festmachen. Auch Trept findet es gefährlich, die Ethnie einer Person an ihren Genen festzumachen – mit der kulturellen Begründung ist er allerdings genauso wenig einverstanden. „So einfach ist das aber nicht. Für den einen ist Deutschland eben noch Wandern und das Christentum, für andere aber nicht.“ In Deutschland habe es sich schon über Jahrzehnte und auch schon vor dem Zweiten Weltkrieg so entwickelt, dass die Deutschen sich weniger mit ihrem Land identifiziert hätten. Der Vorwurf der Identitären Bewegung, dass die Kriegsschuld die Keimzelle des Deutschen entziehen würde, sei also unwahr. „Gerade da sieht man: Auf der einen Seite zitiert man klassische Texte, auf der anderen argumentiert man aber sehr plump“, sagt Trept.

Europa nimmt in der Ideologie der Identitären Bewegung eine besondere Rolle ein. „Der Kontinent ist eine historische Gemeinschaft“, sagt Tony Gerber. „Es gibt Vielfalt und ethnokulturellen Austausch, aber auch eine große Kulturverwandtheit, weil unser Moral- und Sittenverständnis historisch gemeinsam entstanden ist.“ Migration innerhalb von Europa sei deshalb „natürliche Migration“, weil die Einwanderer aus ähnlichen Kulturkreisen stammen. Bei unnatürlicher Migration allerdings seien Probleme wegen der vielen Reibungspunkte zwischen Migranten und Einheimischen schon vorprogrammiert. Integration? Ein Märchen, mindestens eine Ausnahme. Die oft zitierte „Festung Europa“ – sie scheint das Ziel der Identitären zu sein. Keiner von außerhalb soll mehr reinkommen können, Hilfe höchstens vor Ort geleistet werden. Wo die Grenzen dieser Festung liegen sollen, ob beispielsweise das größtenteils muslimische Bosnien mit drin sein soll oder nicht, das kann Tony Gerber nicht beantworten.

Der große Austausch

Mit der klaren Unterscheidung zwischen verschiedenen Völkern ist auch das zweite wichtige Schlagwort der Identitären zu erklären – der „große Austausch“. Hier trifft neurechte Ideologie auf politische Verschwörungstheorie: „Wenn sich nichts ändert, werden wir in vierzig Jahren die Minderheit in unserem eigenen Land sein. Die Politiker tauschen die Bevölkerung komplett aus.“ Der Identitäre argumentiert mit offiziellen Zahlen. 2015 hatten rund 21 Prozent der in Deutschland lebenden Personen einen Migrationshintergrund. In den USA liegt der Migrantenanteil nur um 5 Prozent höher. Das beweist ohne Zweifel, dass wir ein Einwanderungsland sind. Es beweist allerdings nicht, dass in 40 Jahren mehr Menschen mit als ohne Migrationshintergrund in diesem Land leben werden. Tony Geber sieht das anders.

Für Sebastian Trept allerdings ist die identitäre Kampagne des „großen Austausches“ ein perfektes Beispiel für die Denkfehler der Identitären. „Hier spricht man davon, dass unter anderem die SPD darauf hinwirkt, die einheimische Bevölkerung zu verdrängen und durch mehrheitlich muslimische Einwanderer zu ersetzen.“ Die Aussage sei einfach nicht haltbar, wenn man bedenke, dass die Asylbewerberzahlen seit 1993 bis ins Jahr 2007 rückläufig sind – also auch in der Zeit von Rot/Grün. Für den Anstieg seit 2008 müsste man folglich eine Verschwörung von CDU/CSU, FDP und SPD verantwortlich machen. Die Vorstellung aber, dass die CDU als christlich-konservative Partei gemeinsam mit der SPD auf die Verdrängung der heimischen Bevölkerung hinarbeitet, zeuge von einem sehr begrenzten Verständnis.

Trept erzählt von Posts der Identitären Bewegung auf Facebook. Deren Tenor: Private Hilfsorganisationen und die Marine arbeiteten zusammen, um gezielt Flüchtlinge nach Europa „zu schleppen“. „Dass dahinter verschiedene Gründe stehen könnten, etwa humanitäre Hilfe und nicht eine gezielte Verschwörung, wird natürlich nicht berücksichtigt.“ Schlussendlich, sagt er, erkenne man in so gut wie jeder Äußerung das gleiche Interpretationsmuster, das eine Verschwörung verschiedener Kräfte unterstellt.

Aber mal angenommen, in 40 Jahren leben in Deutschland tatsächlich mehr Menschen mit als ohne Migrationshintergrund. Warum wäre das so schlimm? Weil Europa verlieren würde, was es ausmacht, sagt er. Die historisch gewachsene Gemeinschaft, die Traditionen gingen verloren. Apropos Kultur: Wie hält ein Identitärer es mit Döner? „Ich persönlich gehe ab und an gern asiatisch essen und finde globalisierte Ketten wie McDonalds, die keinerlei regionale Identität in sich tragen, viel schlimmer.“ Dennoch: Wenn man sein politisches Lebensgefühl wirklich ausleben wolle und tatsächlich hinter dem eigenen Aktivismus stehe, dann müsse man schon darauf achten, mit seinem Geld hauptsächlich die lokale Bevölkerung zu unterstützen. „Deutsche“, nicht „Passdeutsche“ meint er vermutlich.

Es ist fragwürdig, ob der Forderung nach Bewahrung der Kultur überhaupt Logik innewohnt. Kultur ist ein Prozess, etwas, das sich ständig verändert. Keiner kann diese Veränderung aufhalten, kann die kulturelle Entwicklung zum Stehenbleiben bringen. Aber was für andere einfach Wandel sein mag, nennen Identitäre „moralischer Verfall“. Tony Gerber kritisiert die angebliche Frühsexualisierung unserer Kinder, einen Verlust an Spiritualität und das Aussterben traditioneller Familienbilder zugunsten des „Genderwahns“: „Werte zu vermitteln ist eine Erziehungsfrage. Hier hat die Politik seit den 68ern und dem Linksruck der Gesellschaft eindeutig versagt.“ Kann man eigentlich auch identitär sein, wenn man gleichgeschlechtlich liebt? Er überlegt. „Es sollte nicht der Regelfall sein. Aber wenn die Person trotzdem ihren Beitrag zu unserer Gemeinschaft leistet und ihre Sexualität als Privatsache behandelt, sehe ich da kein Problem.“ Damit macht Tony Gerber es leicht, ihn zu demaskieren: Zu seinem Rassismus ohne Rassen und den Verschwörungstheorien gesellt sich auch Homophobie. Er würde das sicher anders nennen.

Text: Alisa Sonntag

Foto: Amac Garbe

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