Campuskolumne

Neulich wollte ich zu einem dieser Planungsworkshops des Zukunftsstadtprojekts gehen. Als ich Freunde fragte, ob sie nicht mitkommen wollen, hörte ich nur: „Och nö, da sind wieder nur so Ökos.“ Dass ich ja auch hingehe und eher so ein mittelmäßiger bis schlechter Öko bin, zählte nicht als Argument. Dabei klingt das Konzept des Projekts für mich nicht unbedingt nach Rauschebartträgern, die sich an Bäume ketten und nur einmal wöchentlich duschen. Es erinnert eher an die Kulturhauptstadt- oder die Exzellenzinitiative.

Das Bundesministerium für Forschung und Bildung suchte 2015 in einem Städtewettbewerb die besten Ideen für die nachhaltige Stadt der Zukunft. Diese Visionen sollten nicht im stillen Kämmerlein entstehen – Bürgerbeteiligung ist hier das Zauberwort. Dresden ist in die zweite Runde gekommen. In mehreren Planungsworkshops sollen die Bürger jetzt überlegen, wie sich die Ideen konkret umsetzen ließen – und zwar in Form von vielen kleinen Projekten. Mit etwas Glück schafft es Dresden dann auch in die dritte Runde: Damit wäre die Umsetzung der Ideen finanziell abgesichert.

Genug zur Theorie. Ich stehe also eines Abends vor der Johannstadthalle und schreibe meinen Namen auf Malerkrepp, um mit mir unbekannten Menschen Visionen zum Thema „Nachhaltige Nachbarschaften“ zu entwickeln. Klingt einfach, doch schon das erste interaktive Element stellt mich vor Probleme: „Kommt doch mal mit Eurem Sitznachbarn ins Gespräch und tauscht Euch aus, weshalb Ihr heute hier seid!“ Nein, mit meinen Sitznachbarn ist alles in Ordnung: keine Rauschebart-Ökos, sondern sehr sympatisch aussehende Menschen. Der eine möchte eine Koordinierungsstelle für nachbarschaftliche Aktivitäten und Initiativen in der Johannstadt einrichten, die andere einen Nachbarschaftstreffpunkt in Gruna. Doch was ist mit mir? Soll ich jetzt zugeben, dass ich eigentlich nur mal so gucken wollte, was für Leute sich zu so einem Planungsworkshop trauen? Dass ich eigentlich überhaupt keine visionären Ideen habe?

Wenig später soll ich meine nicht vorhandenen visionären Ideen dann auch noch aufschreiben. In fünf Worten auf A4-Zettel. Ich meine, Ideen habe ich ja schon. Aber visionäre Ideen? Das ist doch ein anderer Anspruch. Ich geselle mich zu einer anderen ratlos schauenden Person und wir drucksen gemeinsam herum. Sie würde gern irgendwas mit „autofreier Stadt“ machen, ich hatte mir so eine Art „Bibliothek für Dinge“ vorgestellt, wo man sich zum Beispiel Werkzeug ausleihen kann, anstatt es zu kaufen. Hab ich schon oft von gelesen, ist jetzt nicht so wahnsinnig visionär. Aber besser als nichts. Als wir die Ideen der etwa 40 Teilnehmer zusammentragen, bin ich dann aber erst mal erleichtert – viel kreativer sind die anderen Ideen eigentlich auch nicht. Nachbarschaftszentren, Nachbarschaftshilfe und gemeinschaftlich genutzte Ressourcen sind die wohl wichtigsten Punkte.

Da es für meinen eigenen Stadtteil keine tollen Vorschläge gibt, entscheide ich mich für ein eher allgemeines Projekt: In den nächsten anderthalb Stunden diskutiere ich in meiner Gruppe, wie man es schaffen könnte, möglichst viele Anwohner in nachbarschaftliche Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Dass das nicht gerade einfach ist, zeigt schon ein Blick auf unsere Arbeitsgruppe. Die Planungsworkshops stehen allen Menschen offen. An unserem Tisch sitzen aber allesamt engagierte Bürger, die sich beruflich oder ehrenamtlich für Mitbestimmung und Bürgerdialog einsetzen.

Am Ende des Abends haben wir sicher keine problemfreie Lösung für das Problem gefunden. Aber zumindest haben wir einen Plan. Ob ich noch dabei bin, wenn der umgesetzt wird? Ich weiß es nicht. Zum zweiten Nachbarschafts-Planungsworkshop werde ich aber auf jeden Fall vorbeischauen. Es tut manchmal einfach gut über den Rand der Universität hinauszuschauen. Menschen zu treffen, die vielleicht nicht unbedingt visionäre Ideen haben, aber zumindest den Wunsch, etwas zu verändern.

Alle Planungsworkshops gibt’s hier.

Text: Anne Göhre

Foto: Amac Garbe

Ein Gedanke zu “Campuskolumne

  1. Wo kommt nur die Nachhaltigkeit des Vorurteils her, dass Leute die sich für Umweltschutz interessieren, Rauschebart tragen und nicht duschen? Fehlt nur noch der Strickpullover. Dass es natürlich natürlich nur ein Vorurteil ist, hast du ja offenbar selber gemerkt. Aber das ist doch eigentlich ziemlich 90er, sich von „diesen Ökos“ derartig zu distanzieren, und so alt bist du doch noch gar nicht, oder?

    Full disclosure: ich trage keinen Rauschebart und dusche täglich.

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