Campuskolumne

Könnt Ihr Euch noch erinnern, wie Ihr beim Anschlag von Paris reagiert habt? Oder von Brüssel, Nizza, Berlin? Ich jedenfalls habe bei diesen Anschlägen vor dem Fernseher gesessen und wild zwischen ARD, ZDF, n-tv und N24 hin- und hergeschaltet. Ich schalte den Fernseher sonst so gut wie nie an, in diesem Fall hatte ich aber das Bedürfnis danach. Ich wollte verstehen, was da passiert ist und fragte mich innerlich, was in dieser Welt eigentlich los ist; was Menschen dazu treibt, aus religiösen Motiven andere Menschen in den Tod zu reißen.

Diese Frage kann ich bis heute nicht beantworten und werde es wohl auch nie. In meinem Kopf habe ich mich damit abgefunden, dass Fanatismus nun mal hochgradig irrational ist und jede Suche nach einer Erklärung verlorene Lebenszeit. Diese Haltung macht das Leben irgendwie leichter, ist aber auch ziemlich zynisch. Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, jedes Mal in eine Schockstarre zu verfallen, wenn wir an der Situation doch nichts ändern können.

Ich habe gemerkt, dass ich beim Nachrichtenkonsum in letzter Zeit selektiver vorgegangen bin. Bei den jüngsten Anschlägen in London und Stockholm habe ich mich nicht mehr vor den Fernseher gesetzt. Ich habe nicht einmal den Drang verspürt, für weitere Informationen auf die Push-Nachricht auf meinem Handy zu klicken. Ich hatte genug von der Live-Berichterstattung vom Krisenort, von Korrespondenten, die das hundertste Mal in die Kamera sagen müssen, dass sie keine neuen Informationen haben. Anschläge sind auf eine verstörende Weise Teil der Nachrichtenroutine geworden. Beim Anschlag jüngst in Dortmund habe ich zumindest noch ein wenig über meine liebsten Nachrichtenseiten gescrollt – findet etwas im eigenen Land statt, ist das Interesse ja doch noch mal ein bisschen höher. Über die moralische Fragwürdigkeit dieser Haltung soll hier nun aber wirklich nicht mehr diskutiert werden.

Muss ich mich jetzt schlecht fühlen? Eine nicht repräsentative Umfrage im Freundeskreis ergibt, dass es vielen ähnlich geht. Kann diese Reaktion schon als Abstumpfen bezeichnet werden? Irgendwie schon, aber der Zyniker in mir weiß gar nicht mehr, ob er das schlecht finden soll. Vielleicht ist es nicht die dümmste Art, auf Terror zu reagieren. Denn eines sollten wir auf keinen Fall: in Panik verfallen. Jeder Fernsehbericht und jede Nachricht regen aber genau dazu an, egal ob es von den Journalisten gewollt ist.

Auf der anderen Seite müssen wir aufpassen, nicht unser Mitgefühl zu verlieren. Terroranschläge sind und bleiben furchtbare Aktionen, auch das dürfen wir nie vergessen. Hier muss jeder für sich selber einen guten Mittelweg finden.

Text: Benjamin Kutz

Foto: Amac Garbe

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