Campuskolumne

Neulich in Amsterdam. Die Autorin sitzt in einem Café auf dem Unicampus, guckt erst der Schokolade beim Schmelzen im Kaffee zu und dann ihren Computer an. Der sagt, er habe WLAN: eduroam. TU-WLAN in Amsterdam? Sie denkt, der Rechner nimmt sie nicht für voll. Was eigentlich sein gutes Recht wäre, denn die Autorin ist in puncto Technik einigermaßen embryonal unterwegs. Aber der Computer beharrt darauf: eduroam. Ist vielleicht nur sein Gehäuse mit nach Amsterdam gekommen, während die Seele in der SLUB hängen geblieben ist? Test: E-Mails abrufen, stöbern in der Facebook-Timeline — geht alles. Daraufhin erhält der mitreisende Kumpel eine euphorische Weißt-Du-was-total-krass-ist?-Ich-habe-hier-eduroam!-WhatsApp. Der mitreisende Kumpel antwortet nicht. Später wird er erklären, dass er die Nachricht einer Antwort unwürdig fand: Ist doch total normal, dass man in Europa an vielen Stellen eduroam hat.

Man könnte meinen: Recht hat er! Wenn selbst die Deutsche Bahn in ihren Zügen jetzt WLAN anbietet, sollte das ja wohl in den Großstädten dieser Welt für die Wissenschafttreibenden dieser Welt möglich sein. Internationalität ist schließlich selbstverständlich — zumindest im Mikrokosmos Wissenschaft. Eines Systems also, das schon um des eigenen Fortschritts Willen an Menschen aus aller Welt, ihren Ideen, ihrem kritischen Blick, ihrer Wissbegierde interessiert ist. Doch außerhalb dieses Elfenbeinturms sind Internationalität und Weltoffenheit ungefähr so selbstverständlich wie der Einzug der FDP in den Bundestag. Nämlich gar nicht. Am Montagmorgen liest man in der Zeitung von einer Europäischen Union, die darum kämpft, überhaupt noch eine solche zu sein, von Trumps Einreisedekret und jungen Briten, die sich um ihre Zukunft sorgen. Montagabend dann, unterwegs in Dresden, stellt man ernüchtert fest: Sie laufen noch.

Binsenweisheit hin oder her: In den Köpfen sehr vieler Menschen gibt es sehr viele Grenzen. Gerade deshalb sollten wir es eben nicht als selbstverständlich hinnehmen, dass unsere Kommilitonen aus der ganzen Welt kommen, dass der Geldbeutel die einzige Grenze unserer Reisen ist und uns Unis in Jyväskylä ebenso offenstehen wie Praktika in Palermo. Es geht nicht darum, jeden Morgen aufzustehen und am zimmereigenen Altar für Internationalität und Weltoffenheit andächtig ein paar Blumen niederzulegen. Es geht schlicht und ergreifend darum, Internationalität und Weltoffenheit als den Luxus zu begreifen, der sie sind. Einfach mal innezuhalten und zu denken: Wie geil! Auch wenn es nur ums WLAN geht.

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

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