Zwischen Uni und Psychiatrie

Zum Mittagessen gibt es Kartoffelbrei. Aber den will der Patient nicht. Er greift den Brei und wirft ihn Jessica Beck entgegen. Sie weicht nicht aus, sondern nimmt es mit Fassung. „Ich wusste ja, dass so etwas passieren kann“, sagt die 21-Jährige. Durch ihre Arbeit im Krankenhaus hat sie immer wieder erlebt, wie psychisch kranke Menschen reagieren können. Richtig handgreiflich geworden ist ihr gegenüber noch niemand. „Ich stelle keine große Bedrohung dar“, sagt die Studentin. Sie ist zierlich, hat hellblondes Haar und trägt ein blaues Poloshirt, darüber eine weiße Strickjacke und eine weiße Hose. Die pink-grau melierten Turnschuhe an ihren Füßen bilden einen Kontrast zum Weiß.

Manche Patienten halten Jessica Beck für eine Medizinstudentin, andere reden sie mit „Schwester“ an. Dass auf ihrem Schild „Studentische Aushilfe“ steht, merken die meisten gar nicht. Dabei weist auch ihr blaues Poloshirt darauf hin. Das tragen nur die Mitarbeiter, die nicht zum Pflegepersonal gehören, also Praktikanten, Aushilfen, junge Menschen, die ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) machen. Jessica Beck arbeitet neben ihrem Studium im St.-Marien-Krankenhaus in Klotzsche. Sie studiert Soziologie und Sozialpädagogik an der TU Dresden. Doch in diesem Semester hat sie mehr Zeit im Krankenhaus als an der Uni verbracht. Ihr Nebenjob ist anstrengend und vereinnahmend. Auf ein „typisches“ Studentenleben zwischen Partys, Freizeit und viel Schlaf verzichtet sie. Aber das stört sie nicht, denn die Arbeit im Krankenhaus macht ihr Spaß. Sie ist sogar eine praktische Ergänzung zu ihrem Studium. Sie erklärt: „Durch das Studium verstehe ich das große Ganze besser, zum Beispiel, was die Gesellschaft für Krankheiten produzieren kann oder dass Drogen manchmal zur Flucht dienen.“

Das St.-Marien-Krankenhaus ist mit seinen sieben Stationen recht klein. Es wird von der Caritas getragen und ist auf Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie spezialisiert. Jessica Beck ist eine von acht studentischen Aushilfen. Diese sind laut Gabriele Ziller, Leiterin der Pflegedirektion des Krankenhauses, eine wertvolle Hilfe: „Wir haben sehr gute Erfahrungen damit gemacht.“

Wieso in einer Psychiatrie arbeiten?

Eigentlich wollte Jessica Beck nach der Schule ein FSJ im Kindergarten machen. Doch dort hat die Atmosphäre im Team für sie nicht gestimmt. Über ihren Betreuer bei der Caritas wechselte sie ins St.-Marien-Krankenhaus, weil dort eine Stelle frei war. „Es war eher Zufall, dass ich hier gelandet bin“, sagt die Studentin.

Ein Jahr lang arbeitet sie auf der geschlossenen Psychiatrie (Station A1). Dort gibt es weder Glasschüsseln, noch gehen die Fenster richtig auf. Das soll verhindern, dass die Patienten sich selbst oder Krankenhausmitarbeiter verletzen. Wer die Station betreten oder verlassen will, braucht einen speziellen Schlüssel. Oft verbringen Patienten mehrere Wochen dort. „Längere Aufenthalte in der Psychiatrie sind normal“, erklärt Jessica Beck. Sie hat schon schlimme Schicksale erlebt, zum Beispiel Menschen, die als Kinder misshandelt wurden. An einen Fall erinnert sie sich besonders: Ein Mann hatte 20 Jahre lang seine krebskranke Frau gepflegt. Als sie starb, versuchte er, sich mit den Dämpfen aus seinem Autoauspuff zu vergiften. Das gelang nicht. „Er war ein lieber Mensch und hat mir sehr leid getan“, sagt die Studentin. Trotzdem hat sie gelernt, das nicht nach Hause mitzunehmen. Es hilft ihr, mit Kollegen darüber zu sprechen: „Im Team tauschen wir uns aus, so muss niemand allein mit solchen Fällen fertigwerden.“

Nach ihrem FSJ arbeitet Jessica Beck als studentische Aushilfe weiter. Dabei lernt sie auch andere Stationen im Haus kennen. Denn sie wird dort eingesetzt, wo gerade Bedarf ist. Für sie ist es ein guter Verdienst neben dem Studium. Sie mag die Menschen, mit denen sie zusammenarbeitet. Im Team halte man zusammen und trete geschlossen auf. „Das ist manchmal wie eine Familie“, sagt sie.

Betten machen und Rückenschmerzen

Zurzeit arbeitet Jessica Beck auf Station B3, der Neurologie. Dort ist sie für hauswirtschaftliche Tätigkeiten eingeteilt. Das bedeutet, sich um die Küche kümmern, die Patienten mit Essen versorgen und Betten putzen. Das kann anstrengend werden, besonders wenn viele Betten frei werden. „Ich muss alles desinfizieren, jede einzelne Strebe reinigen und das Bett dann neu beziehen“, beschreibt die Studentin ihre Arbeit. Für ein Bett braucht sie 20 Minuten. Danach hat sie oft Rückenschmerzen.

Auf der Station B3 liegen vor allem Patienten, die wegen Schmerzen ins Krankenhaus kommen. Oft sind es Krankheiten wie Multiple Sklerose, ALS und Schlaganfälle, die hier behandelt werden. Um die Schmerzen zu lindern, arbeiten auf der Station auch Physio- und Ergotherapeuten. Auf den Gängen der B3 ist es ruhig. Ältere Menschen schlendern an den gelben und weißen Wänden entlang, ab und zu ein Klopfen an einer Zimmertür, Besucher mit Blumen, in der Küche klappern Tassen. Auf der digitalen Anzeige über dem Gang wechseln sich das Datum und die Uhrzeit ständig ab.

Auf der A1, der geschlossenen Psychiatrie, ist die Atmosphäre wuseliger. Das ist Jessica Becks Lieblingsstation, auch wenn sie hier mit Kartoffelbrei beworfen wird. „Ich kann mich richtig einbringen“, sagt die Studentin. Am Anfang hatte sie viel Respekt vor den Patienten. Dass es manchmal nötig ist, stark aufzutreten, musste sie erst lernen. „Je länger ich dabei bin, desto besser lerne ich, Menschen einzuschätzen.“ Auf der Psychiatrie ist es wichtig, dass sie genauso viel über die Patienten weiß wie das Pflegepersonal. Denn manchmal gibt es kleine „Verträge“ mit den Patienten. Jessica Beck nennt ein Beispiel: Wenn jemand sein Zimmer ordentlich hält, darf er 10 Zigaretten am Tag rauchen – zum Runterkommen. Über solche Kompromisse muss jeder aus dem Team Bescheid wissen, um nicht ausgetrickst zu werden. Zum Rauchen gibt es einen Extraraum, denn die Patienten dürfen die Station nicht verlassen.

Zwischen Küche und Sozialkompetenz

Die Arbeit in der Psychiatrie findet die Studentin interessant – auch aus einer soziologischen Perspektive. Sie sagt: „Ich sehe Menschen, deren Verhalten von der gesellschaftlichen Norm abweicht. Zum Beispiel Leute, die sich verkleiden und glauben, im Krieg zu sein, oder sich im Wäschekorb verstecken. Das finde ich spannend.“ Arbeitet die 21-Jährige auf den psychiatrischen Stationen, ist ihre Sozialkompetenz gefragt. Dort hat sie aktiver mit Patienten zu tun als auf den neurologischen Stationen. Auf der Station B3, der Neurologie, sieht sie sich eher als Servicepersonal. Kontakt zu den Patienten hat sie vor allem, wenn sie das Essen auf die Zimmer bringt. Trotzdem weiß sie, dass solche Aufgaben nötig sind und sie damit hilft.

Um möglichst nah an ihrer Arbeit zu sein, hat sich Jessica Beck in Klotzsche eine Wohnung gemietet – nur wenige Minuten vom St.-Marien-Krankenhaus entfernt. Von dem Geld, das sie verdient hat, konnte sie sich ihre Wohnung schön einrichten. Dass sie nah an ihrer Arbeit wohnt, lohnt sich – besonders wenn sie um 20 Uhr Schluss hat und am nächsten Tag um 6 Uhr zur Frühschicht muss. Zwar ist das immer noch eine gute Strecke zur Uni, aber das stört die Studentin nicht: „An den Tagen, an denen ich zur Uni muss, habe ich immer frei bekommen.“ Vorher hat sie in Radeberg gewohnt. Da ist ihr jetziger Weg deutlich kürzer.

Ob sie später beruflich in die gleiche Richtung gehen will, weiß sie noch nicht. Jessica Beck kann sich vorstellen, als Sozialarbeiterin im Krankenhaus zu arbeiten. Dann würde sie psychisch kranken Menschen beispielsweise bei Behördengängen helfen. Als Fallanalytikerin bei der Kriminalpolizei zu arbeiten, findet sie auch interessant. Sie erklärt: „Als Soziologin verkauft man eher sein Potenzial.“ Wo genau sie mit ihrem Studium hingeht, ist noch offen.

Text: Sabrina J. Winter

Foto: Amac Garbe

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