Nicht nur Sonne in Florida

Wer an Florida denkt, sieht Strände, Palmen und Sonne vor dem inneren Auge. Für viele ist der Sunshine State ein Urlaubsparadies. Den wenigsten springen Wörter wie Obdachlosigkeit, Armut oder Regen durch den Kopf. Also was verbirgt sich wirklich hinter Floridas Image? Die Autorin hat ein Jahr lang an der Ostküste Floridas gelebt.

Dicke Regentropfen

Im Winter stimmt das Klischee mit dem warmen Wetter und dem lauen Lüftchen. Dann reisen auch viele Touristen nach Florida. In den schwülwarmen Sommermonaten dagegen klettert die Flüssigkeit im Thermometer täglich auf 30 °C und höher und fast jeden Nachmittag ziehen dunkle Regenwolken heran. Manchmal bringen sie nur einen Schauer, manchmal auch Gewitter, manchmal regnet es den halben Tag lang. Vom ach so bekannten „Sunshine“ fehlt dann jede Spur, stattdessen prasseln dicke Wassertropfen auf die Erde nieder. Auch die Luftfeuchtigkeit ist unerträglich hoch. Im Sommer kann sie 90 Prozent oder mehr erreichen. An Sport im Freien ist da nicht zu denken.

Viel Stadt und wenig Natur

Florida ist keinesfalls ein tropisches Paradies, wie viele glauben. Die Küsten sind großflächig bebaut und  mit Städten zugekleistert. Die Übergänge dazwischen sind fließend. Lediglich Ortseingangsschilder zwischen den Flachbauten weisen auf ein neues Stadtgebiet hin. Natur findet man kaum, dafür aber breite Straßen. Am Straßenrand stehen ein paar Palmen. Sie wachsen allerdings nicht natürlich, sondern sind in einem exakten Abstand voneinander angeordnet und in quadratische Rasenflächen eingelassen.

Je weiter man ins Landesinnere des Staates vordringt, desto mehr sieht man Graslandschaften. Große Teile Floridas sind einmal Sumpfgebiet gewesen, wurden jedoch trockengelegt, um Straßen quer durch den Staat zu ziehen. Auf ihnen tuckert man mit dem Auto entlang und fährt durch das große Nichts des Landesinneren. Alles, was sich neben der Straße befindet, ist Gras und Sumpf. Ab und zu ein paar Kühe, Gefängnisse und Schilder wie „Nächste Tankstelle in 65 Meilen“. Das sind 104 Kilometer – eine Strecke so weit wie von Dresden nach Cottbus.

Frieren in Bus und Bahn

Wer kein Auto hat, muss Bus fahren. Dann heißt es: Fahrkomfort adé! Busse sind fast nie pünktlich und so stark klimatisiert, dass im Innenraum 15 °C herrschen. Anstatt eines Haltewunsch-Knopfes gibt es eine Leine, an der man ziehen muss. Manchmal ist die kaputt. Dann ruft man entweder laut dem Busfahrer zu, dass er halten soll, oder verpasst den Ausstieg.

Im Südosten verkehrt ein Zug zwischen Mangonia Park und Miami Airport. Der Zug heißt Tri Rail und zeichnet sich durch folgende Qualitäten aus: stets zu spät, lautes Quietschen, ohrenbetäubendes Hupen in Bahnhofsnähe, Klimaanlage auf Vollgas, sodass (wie im Bus) eine Wohlfühltemperatur von 15 °C herrscht. Sitzt man dann in Flip-Flops und T-Shirt in der Tri Rail, zittert man fröhlich vor sich hin.

„Anything helps! Food, clothes, money …“

Bei einem Blick aus dem Fenster bietet sich ein Anblick, den zunächst niemand mit dem Wort Florida in Verbindung bringt: Unter den Büschen am Rand der Gleise liegen Matratzen, Draht, Stofffetzen und alte Decken. Sie sind so angeordnet, dass sie eine dürftige Behausung ergeben. Neben den Buden stapeln sich Plastik, Holz und Müll. Ja, auch in Florida gibt es Obdachlose. Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist groß im Sunshine State. An den Autobahnauffahrten stehen Bettler. Sie halten Schilder in die Luft, auf denen steht „Anything helps! Food, clothes, money …“ Nur ein paar Kilometer weiter reihen sich Villen aneinander – mit Pool und Privatstrand.

Natürlich hat Florida auch seine schönen Seiten: Hübsche Strände mit bunten Muscheln, warmes Meerwasser, knorrige Mangroven-Bäume und kleine Eidechsen, die über die Gehwege flitzen. Doch der Sunshine State steht bei Weitem nicht nur für Sonne, Strand und Palmen. Zwar fliehen Touristen im Winter gern an die warmen Strände, aber die Facetten des südlichsten Staates der USA sind zahlreich und die Sonne scheint nicht immer.

Text und Foto: Sabrina J. Winter

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