Umfassend unbekannt

Ergebnis einer spontanen Umfrage auf dem Campus: Fünf von fünf Studierenden sagt der Begriff Bereichsbildung nichts. Nie gehört! Es sei zu kalt. Und überhaupt wollen sie weiter.  Zugegeben, repräsentativ darf sich die Ministudie nicht nennen und Freitag nach eins war es noch dazu, aber eine Vollerhebung würde wohl Ähnliches zutage fördern.

Dabei geht die Bereichsbildung dem Herzstück der TU Dresden ans Mark: den Fakultäten. Diese wurden 2012 in fünf Bereichen —  Mathematik- und Naturwissenschaften, Geistes- und Sozialwissenschaften, Ingenieurwissenschaften, Bau und Umwelt sowie Medizin — gebündelt. Zuerst zu sogenannten Bereichen Typ 1, bei denen Funktionen wie die Studienbüros und IT liegen. Das offizielle Ziel aber, an dem derzeit gearbeitet wird, sind sogenannte Bereiche Typ 2, die einen guten Teil der Kompetenzen der Fakultät bekommen sollen und so letztlich Großfakultäten sind. Aus 14 mach 5!

Unweigerlich drängt sich da eine klitzekleine Frage auf: Warum? Sind Fakultäten jetzt plötzlich 80er? War einem Corporate Identity Manager ein bisschen arg langweilig? Klingt das Wort Bereiche vielleicht einfach schöner? Mitnichten. Die Bereichsbildung ist der Schlüssel zu einer rosigen Zukunft. Diesen Eindruck jedenfalls erhält, wer die TUD-Homepage zum Thema konsultiert: Von Synergieeffekten ist die Rede, von Interdisziplinarität und Eigenverantwortung. Viel mehr allerdings auch nicht. Auf Nachfrage ist man natürlich wortreicher. Marlene Odenbach, Leiterin von Dezernat 7 — Strategie und Kommunikation, nennt gleich einen Pulk von Zielen à la „strukturelles Wissen intentional vernetzen“. Zusammenfassen lassen die sich in etwa so: Nach innen wird an der Verwaltung gefeilt, nach außen an der Zukunft.

Um im zunehmendem internationalen Wettbewerb um Geld und Köpfe bestehen zu können, brauche eine Universität Einheiten „mit einem Mindestmaß an Flexibilität“. Einzelne Fakultäten hätten es zunehmend schwer, sich international zu positionieren, schließlich wird die Welt immer komplexer. Und immer komplexere Probleme erfordern seitens der Universitäten immer komplexere Antworten — interdisziplinäre Forschung und Studiengänge, so lautet das Gebot der Stunde. Das, glaubt Odenbach, verbessert auch die Ausstattung mit Ressourcen: „Geld fließt doch oft dorthin, wo es interessant ist — und interdisziplinäre Ansätze sind nun einmal interessanter.“ Natürlich seien die auch ohne Bereiche möglich. „Aber der institutionelle Zusammenhang und gemeinsame Meetings erleichtern das.“ Im Endeffekt stärkten die Bereiche die Fakultäten deshalb sogar.

Matthias Lüth, Referent Struktur beim Studentenrat der TU, mag das nicht so recht glauben. Vielmehr sieht er die Gefahr, dass Diversität verloren geht: Größere Fachgebiete hätten mehr Stimmen in den Gremien des Bereichs und könnten sich so selbst bevorteilen. Kleinere Fachgebiete hingegen würden benachteiligt und  müssten „öfter mitschwimmen.“ Er könne ja verstehen, so Lüth, dass man flexibler agieren wolle. „Aber muss man wirklich alle gewachsenen Strukturen für Geld aufgeben?“ Marlene Odenbach findet: muss man. Schließlich sei die Bereichsbildung Teil des Zukunftskonzeptes, das man im Rahmen der Exzellenzinitiative erstellt hat. Mit deren Bewilligung habe sich die Uni verpflichtet, die Bereichsbildung auch umzusetzen. Schon zweimal — 2010 und 2011 — hätten Senat und Hochschulrat die Bereichsbildung ohne Gegenstimme bewilligt.

Also ist der Prozess ist in vollem Gange, womit man bei der Verwaltung wäre. Schlanker soll sie werden, effizienter und professioneller noch dazu. Mit der Bildung der Bereiche Typ 1 als Verwaltungseinheiten ist es aber auch da nicht getan. Momentan  sind alle Bereiche dabei, zum Bereich Typ 2 zu werden. Dabei liegen sie, wie Odenbach versichert, „im Zeitplan“. Konkreter wird sie nicht — wohl auch, weil die Geschwindigkeiten variieren: Während der Bereich Mathematik und Naturwissenschaften nur aus der gleichnamigen Fakultät besteht, gehören dem Bereich Geistes- und Sozialwissenschaften die Juristische und die Philosophische Fakultät an sowie jene der Erziehungswissenschaften, der Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften und der Wirtschaftswissenschaften. Wobei letztere wahrscheinlich noch dieses Jahr in einen anderen Bereich wechseln werden: Bau und Umwelt oder Ingenieurwissenschaften. Die Verhandlungen laufen.

Doch was genau heißt es, vom Bereich Typ 1 zum Typ 2 zu werden? Statt, wie ursprünglich geplant, sämtliche Kompetenzen der Fakultäten auf den Bereich zu übertragen, soll die Kompetenzverteilung bereichsindividuell geregelt werden. Um welche Rechte und Pflichten es da konkret geht? „Aufgaben, die zu klein oder rar dafür sind, um sinnvoll von einem Institut oder einer Professur bearbeitet zu werden, aber gleichzeitig zu spezifisch für die zentrale Univerwaltung“, erklärt Odenbach. Aha. „Dabei kann es zum Beispiel um die Koordinierung von Stellungnahmen zu Zielvereinbarungen gehen.“ Die Grundordnung der TU Dresden nennt noch weitere vom Hochschulfreiheitsgesetz festgeschriebene Kompetenzen der Fakultätsräte, die dem Bereichsrat überschrieben werden können. Handlungsleitend sei das Subsidiaritätsprinzip: Aufgaben nur dann auf einer höheren Ebene ansiedeln, wenn sie die jeweils niedrigere Ebene nicht mehr optimal erfüllen kann. Ein bisschen mehr aha.

„Mysterium Typ 2“, sagt dazu Henriette Mehn. Sie ist Sprecherin des Fachschaftsrates Allgemeinbildende Schulen (FSR ABS) und hat mit der Bereichsbildung vor allem ein Problem: Dass die Studierendenvertreter kaum informiert oder gar beteiligt werden. Da wären zum einen die extrem langen Kommunikationsketten: Bereichskollegium, Dekan, Fakultätsrat, Fachschaftsrat. „Das ist doch wie stille Post“, findet Mehn. „Durch diese indirekte Beteiligung gehen viele Informationen und Gestaltungsmöglichkeiten“ verloren. Besonders deutlich sei das mal wieder Anfang Februar geworden, zur Vollversammlung des Bereichs Geistes- und Sozialwissenschaften (GSW). Wichtigstes Thema: Die Zielvereinbarung mit dem Rektorat, inklusive einer neuen Bereichsordnung für Typ 2. Doch die Kommunikation mit dem Bereich findet nur über die Dekane statt — die nämlich sind es, die im sogenannten Bereichskollegium die Bereichsordnung für Typ 2 ausarbeiten. Damit sind nicht nur Studierende, sondern auch Professoren und Mitarbeiter von der Beteiligung am Umstrukturierungsprozess gleich ganz ausgeschlossen.

Bereichssprecher Prof. Christian Prunitsch, Dekan der Fakultät Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, rechtfertigt das damit, dass die Studierendenvertreter im Fakultätsrat sitzen, der den Dekan wählt — und so indirekt sehr wohl beteiligt seien. Nathalie Schmidt, ebenfalls Mitglied des FSR ABS, lässt das nicht gelten: „Viel sinnvoller wäre doch eine Arbeitsgruppe zur Erarbeitung der neuen Bereichsordnung, in der die Studierenden beteiligt sind.“ Die Fakultätsräte, in denen auch Studierendenvertreter sitzen, müssen die neue Bereichsvorlage zwar letztlich beschließen. Allerdings stellen sie dort nur eine „engagierte Minderheit“ dar, wie Matthias Lüth sagt. Die Bereichsordnung für Typ 2, fürchtet er, „wird durchgewunken“.

Immerhin: Beim Bereich Typ 2 wird den Studierenden mehr Beteiligung in Aussicht gestellt. Zentrales Gremium wäre dann ein Bereichsrat, der wie ein Fakultätsrat nicht nur öffentlich tagen, sondern auch Mitarbeitende und Studierende umfassen müsste. Der FSR Maschinenwesen spricht sich deshalb sogar für einen Bereich Typ 2 aus. Auch sonst können die FSR-Mitglieder der Bereichsbildung durchaus etwas abgewinnen. Durch fakultätsübergreifende Studienbüros könne es beispielsweise „endlich zu einer einheitlichen Abwicklung prüfungsbezogener Fragen kommen“, sagt FSR-Mitglied Christoph Lehmann. Er glaubt auch, dass bei fakultätsübergreifenden Vorlesungen größerer Druck auf die Qualität der Dozierenden ausgeübt werden könnte.

Die FSRs sind sich nicht einig, ob man einem weiteren Ausbau der Bereichsbildung nun mit Sorge oder Hoffnung entgegenblicken sollte. Eine Kritik aber teilen fast alle: Mangelnde Transparenz, fehlende Beteiligung — das geht gar nicht. „Solche undemokratischen Entscheidungsweisen“, findet FSR-ABS-Sprecherin Mehn, „wären ein unschöner Trend.“

Text: Luise Martha Anter

Foto: Amac Garbe

 

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