Die Platten des Jahres 2016

2016 ist vorbei. Und keinen Moment zu früh würde man meinen, so kann das Jahr weltpolitisch gesehen wohl kaum einen Blumenstrauß gewinnen. Doch Konservatismus lässt bekanntlich die Kreativität wieder aufblühen und so waren die letzten zwölf Monate gemessen an ihrem musikalischen Output durchaus vorzeigbar, besonders im Vergleich zu den Jahren davor.

Eine Bestenliste zu erstellen ist für den Leser eigentlich nie zufriedenstellend. Zu unterschiedlich die subjektiven Eindrücke und musikalischen Vorlieben eines jeden. Anstatt also laut fluchend vor dem Rechner zu sitzen, sollten die zahlreichen Bestenlisten eher als Chance verstanden werden, vielleicht das eine oder andere Schmankerl noch mitzunehmen. Das nächste potenzielle Lieblingslied wartet eventuell nur hinter dem nächsten Link. Hier sind also die fünf Lieblingsplatten 2016 unserer Musikredaktion.

 

PINEGROVE – „Cardinal“ (Run For Covers)

Im vergangenen Jahr wurde der Genrebegriff Emo wieder aus dem Grabe gehoben. Alte wie neue Bands machten sich daran, die Ende der 90er durch JIMMY EAT WORLD und THE WEAKERTHANS geprägte Episode neu aufzulegen. Ganz vorn mit dabei: PINEGROVE aus Montclair, New Jersey, die mit ihrem Bastard aus Indie, LoFi, Folk, Emo und Garage Rock es vor allem schaffen, unglaublich glaubwürdig und sympathisch zu klingen. Trotz der verklausulierten Texte des nerdigen Frontmanns Evan Hall in den Songs „Cadmium“ oder „Aphasia“ fabriziert die fünf- bis sechsköpfige Gruppe – nicht zuletzt durch den Einsatz von Steelguitar und Banjo – ein wohliges, aber ehrliches Gefühl in der Magengegend, so dass man im besten Song des Jahres „New Friends“ Hall gerne die Hand reichen und Blutsbrüderschaft trinken möchte. Gelegenheit dazu wäre bereits am 6. März in Berlin.

Bester Song: „New Friends“

 

SONS OF NOEL AND ADRIAN – „Turquoise Purple Pink“ (K&F Records)

Folk ist eigentlich kein sonderlich dehnbarer Begriff. Im Grunde dreht es sich in diesem Genre um die Folklore der jeweiligen Bevölkerung, die hauptsächlich durch traditionelle Instrumente wie Violine, Flöte oder Banjo ausgedrückt wird. Beim neusten Album von SONS OF NOEL AND ADRIAN sind solche Folk-Wurzeln nur noch schwer bewusst erkennbar, könnte der Beginn von „Perses“ doch ebenso von einer Mathrock-Band stammen. Die neue Platte des viel gelobten Kollektivs aus Brighton, in welchem sich unter anderem Musiker aus Bands wie LAURA MARLING und BEAR’S DEN austoben, strahlt im Gegensatz zum verspielten Vorgänger eine enorme Düsterkeit und Kompaktheit aus. Treibende Beats gemischt mit drückenden Synthiebässen bilden das Fundament, während die Gesänge von Emma Gatrill und Catherine Cardin sirenengleich sich in ein nie enden wollendes Bläsermeer werfen. Dabei geht „Turquoise Purple Pink“ über Leichen, bis der Endtrack und gleichzeitige Höhepunkt „I Love You so Much I Want to Stab You in the Eye“ in einer Kakophonie aus Saxophon, Drumgewitter und Synthesizern endet. Am 17. Februar spielen SONAA im Dresdner Beatpol.

Bester Song: „I Love You so Much I Want to Stab You in the Eye“

 

TURBOSTAAT – „Abalonia“ (PIAS)

Über die norddeutschen Halunken aus dem Dunstkreis um Flensburg müssen nicht viele einleitende Worte gefunden werden. Denn die fünf Punker zieht es regelmäßig auf die Bühnen Dresdens, auf denen sie laut Sänger Jan Windmeier noch nicht ein schlechtes Konzert beklagen mussten, sondern immer eine volle Hütte und eine textsicher grölende Menge vorfanden. Auf ihrem sechsten Album sind die kryptischen Texte von Marten Ebsen erstmalig einem Thema untergeordnet. Alle zehn Tracks handeln von der fiktiven Flucht der Titelheldin Semona in ein Land namens „Abalonia“. „Komm mit mir, wir bleiben nicht zum Sterben hier“, singt Windmeier im Eröffnungstrack „Ruperts Gruen“ und gibt damit die Richtung der Platte vor, die um die Themen Angst, Verlust, Fremdenhass, Dummheit und Egoismus kreist. Kein Album des vergangenen Jahres schafft es, die aktuelle Situation in Europa so eindringlich zu inszenieren.

Bester Song: „Die Toten“

 

O’BROTHER – „Endless Light“ (Triple Crown Records)

„Der Weltraum, unendliche Weiten …“, gab Captain Kirk einst vor. Die Alternative Rocker O’BROTHER aus dem Staate Georgia folgten seinem Ruf und entwarfen mit ihrem vierten Longplayer eine Art Kompass, dessen alleinige Aufgabe darin besteht, das Leben auf dieser Welt sowohl räumlich als auch spirituell einzuordnen. Ihrer Liebe für brachiale Gitarrenwände huldigte die Band in früheren Releases meist noch ausführlich, indem sie die ersten Tracks mit Noise- und Stoner-Rock-Elementen fütterten. Doch diesmal, so scheint es, war das Konzept stärker als die Liebe zu ein paar Trucker-Rock-Hits, denn die Ausbrüche finden dosierter und homogener statt und werden umspielt vom zweiten Trademark der Band: ihrer unheimlichen Kunst, Atmosphäre zu erschaffen. Bestes Beispiel ist der Titeltrack, der den Zuhörer mittels Chorgesang in einen Schwebezustand versetzt und die Gitarren nur leise flimmern lässt, bis Sänger Tanner Merrit uns mit den Worten „I want slowly fade into something else“ in einen Strudel hinabzieht. Da wartet es dann schon auf uns, um uns für immer zu verschlingen – das schwarze Loch.

Bester Song: „Endless Light“

 

TOUCHÉ AMORÉ – „Stage Four“ (Epitaph)

Alben aus dem Hardcore-Genre leben von der Düsternis der Menschheit. Irgendwie, so scheint es, ziehen gerade diese Interpreten wie Hiob einst das Pech nur so an. Und nicht selten entstehen aus der Wut und Verzweiflung heraus die kreativsten Ideen und besten Alben in einer Musikrichtung, die wie kaum eine andere von Emotionalität lebt. Diesmal hat es Sänger Jeremy Bolm erwischt, der den Krebstod seiner Mutter auf „Stage Four“, eine Anspielung auf die letzte Phase der Krankheitsentwicklung, versucht für sich einzuordnen. Während Bolm sich seinen Gedanken, die zwischen Hoffnung und Trübsinnigkeit hin und her wanken, hingibt, produziert die Band einen abwechslungsreichen Ritt aus Post-Hardcore, Indie und Alternative mit großartigen Hooklines. Dennoch ziehen einen immer wieder die Worte Bolms in den Bann, wenn er wie in „New Halloween“ fast nebenher darüber verzweifelt, wie schnell der Alltag selbst nach einem solch bedeutenden Verlust wieder um sich greift.

Bester Song: „New Halloween“

Neben diesen fünf Alben gab es natürlich noch eine ganze Menge mehr zu entdecken, deshalb lohnt sich ein Blick auf den Jahresrückblick des Campusradio Dresden und in die Spotify-Liste des hier schreibenden Musikredakteurs Julius Meyer.

Text: Julius Meyer

Foto: Amac Garbe

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